Am Ball bleiben News 19.10.2009

[19.10.2009]
Zeitzeugengespräch im Darmstädter Fanprojekt

Zu einem Zeitzeugengespräch hat das Darmstädter Fanprojekt letzte Woche mit dem Ziel eingeladen, Jung und Alt zusammenzubringen und der Geschichte ein Gesicht zu geben. Über 40 Interessierte nahmen an dem Gespräch teil.

Das Zeitzeugengespräch mit Philipp Benz und Kurt Kretzschmar war eingebettet in den Rahmen der „Alerta Action Days“, für die bereits Jacek Purski von der polnischen Initiative „Never Again Association“ einen Vortrag über Rechtsextremismus in der polnischen Fanszene gehalten und die „Ultras Darmstadt“ während eines Heimspiels über Darmstädter Widerstandkämpfer informiert hatten.

Zwischen den Zeitzeugen und den Besuchern entwickelte sich ein reger Dialog. Philipp Benz berichtete von seiner Gefangenschaft im Konzentrationslager Osthofen, während Kurt Kretzschmar erzählte, wie es ihm gelang – trotz seiner Zugehörigkeit zur Marine – weiter seinem großen Hobby, dem Sport, nachzugehen. Auch einschneidende historische Ereignisse wie die „Reichskristallnacht“ oder die flächendeckende Bombardierung Darmstadts am 11. September 1944 wurden thematisiert. Die Teilnehmer erkundigten sich ihrerseits nach den Vorgängen im Verein Darmstadt 98 während dieser Zeit oder nach Formen des politischen Widerstandes in Darmstadt.

Zur Vertiefung der Thematik wurde seitens der Teilnehmer ein Besuch der Gedenkstätte in Osthofen oder ein historischer Stadtrundgang in Darmstadt vorgeschlagen.

Philipp Benz wurde 1912 in Arheilgen geboren und trat 1926 der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) und später der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bei. Aus diesem Grund wurde er nur wenige Monate nach der Wahl Adolf Hitlers zum Reichskanzler 1933 für mehrere Monate im KZ Osthofen inhaftiert. Ein Jahr später war er wegen Hochverrats angeklagt, wurde jedoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Aufgrund seiner Tätigkeit als Hochbauingenieur wurde er „wegen kriegswichtiger Tätigkeit“ vom Wehrdienst freigestellt. Nach dem 2. Weltkrieg arbeitete Benz als freischaffender Architekt und setzte sich als Vorsitzender des Sportausschusses der Stadt Darmstadt dafür ein, dass die Lilien wieder das Stadion am Böllenfalltor nutzen konnten. Er ist Mitbegründer der Lagergemeinschaft Osthofen und engagierte sich für die Einrichtung einer Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager (weitere Informationen auf www.projektosthofen-gedenkstaette.de). Im Jahr 2007 erhielt er für seine Bemühungen den Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz. Eine weiterführende Kurzbiographie von Philip Benz ist auf www.projektosthofen-gedenkstaette.de zu finden.

Kurt Kretzschmar wurde 1920 in Darmstadt geboren. Bereits sein Vater war Mitglied des Darmstädter SC 05, bevor dieser mit dem FK Olympia fusionierte und somit den SV Darmstadt 1898 schuf. Im Alter von 13 Jahren tritt Kurt Kretzschmar dem SV98 bei und ist dort aktiver Fußballer, Leichtathlet und Boxer. 1934 wird er auf Druck des Schuldirektors und gegen den Willen seines sozialdemokratischen Vaters Mitglied der Hitler-Jugend (HJ). 1938 wird Kretzschmar zur Wehrmacht einberufen. Um dem Arbeitsdienst zu entgehen und weiter Sport treiben zu können, meldete er sich freiwillig bei der Marine. Die letzten drei Kriegsjahre verbrachte Kretzschmar in britischer Gefangenschaft. Nach seiner Rückkehr wurde er 1948 wieder Mitglied der Fußballabteilung des SV98. Während der Saison 1949/50, in der die 1. Mannschaft Meister der Landesliga Hessen wurde und in die Oberliga Süd (damals die höchste Spielklasse) aufstieg, absolvierte er fünf Einsätze in der Meisterelf. Im Jahr 2004 verlieh  ihm der SV Darmstadt 98 die Ehrenmitgliedschaft.

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