Am Ball bleiben News 07.09.2009

[07.09.2009]
Sly Sahm kämpft mehr als andere

Für Fußball lässt Sly Sahm alles stehen und liegen. Seit mehr als zwei Jahren schnürt sie für die Frauenmannschaft des Wetzlarer Kreisoberligisten FSV Dillheim die Stiefel. Und als sie am 10. Mai 2008 endlich ihr erstes Tor schoss, kannte der Jubel keine Grenzen. Für die 19-Jährige war das ein ganz besonderer Moment – denn Sly ist gehörlos.

Sly Sahm, ihre Trainerin und Swantje Sichmann

Sly Sahm, ihre Trainerin und Swantje Sichmann.

„Als Gehörlose einen Mannschaftssport zu betreiben, ist eine große Herausforderung“, weiß Dillheims Trainerin Marion Rumpf, die Sly auf die Idee mit dem Fußballspielen gebracht hat: „Ihr Bruder spielt ebenfalls. So hat sie immer schon mit den Jungs in Holzhausen gekickt. Und irgendwann habe ich ihre Mutter fragt, ob sie nicht vorbeikommen möchte.“ Sly Sahm kam nach Dillheim und blieb. Und das, obwohl sie sich in den ersten Wochen noch vom Rest des Teams ausgrenzte. „Sie war zwar dabei, hat sich aber immer zurückgehalten – und stand außen vor“, erzählt Marion Rumpf. „Ich hatte Angst, nicht verstanden zu werden“, entgegnet die 19-Jährige, die ein wenig sprechen kann und mittels eines Hörgeräts auch sehr laute Zurufe versteht.

„Ihre Gegenspielerinnen denken immer, dass wir sie anschreien, weil wir böse mit ihr sind. Dabei dient es nur der Kommunikation. Das müssen wir den Schiedsrichtern vor dem Anpfiff mitteilen, weil das sonst zu missverständlichen Situationen führen kann“, berichtet die Trainerin. Doch vor allem die Integration der behinderten Sportlerin in die Mannschaft und in den Verein war zu Beginn nicht leicht. In der Anfangszeit fiel es vielen schwer, ihre neue Kameradin zu akzeptieren. Rumpf, die Sly Sahm überredet hatte, mitzumachen, gesteht ein, dass diese Situation anfangs deutlich schwieriger war als gedacht: „Sie hatte Hemmungen, nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden hat. Das war schon eine harte Zeit. Aber mittlerweile ist die Unterstützung innerhalb der Mannschaft riesig. Eigentlich fällt ihre Behinderung überhaupt nicht mehr auf.“

Inzwischen bestehen sogar Fahrdienste, die die Gehörlose zu den Übungsstunden und Spielen abholen und wieder nach Hause bringen. Und so war es für Sly Sahm selbstverständlich, ihren 18. Ehrentag mit der ganzen Mannschaft im Dillheimer Vereinsheim zu feiern. Dass sie bei allen Festen dabei ist, Grenzgänge mitmacht und sämtliche Geburtstage ihrer Kameradinnen auswendig kennt, wertet Trainerin Rumpf als Zeichen, dass die Einbindung in die Mannschaft funktioniert hat. Auch auf dem Platz ist die Stürmerin inzwischen fest integriert. Ihre Gehörlosigkeit und damit einhergehende Probleme mit der Koordination macht sie mit ihrem Kampfgeist und mit ihrem guten Auge wett.

„Mehr kämpfen als andere“, lautet ihr Motto. Längst hat sie akzeptiert, dass sie mit ihrer Behinderung nicht die gleiche Leistung wie ihre Mannschaftskolleginnen abrufen kann. „Das hat aber zwei, drei Monate gedauert“, gibt sie zu. „Es macht Spaß, mit ihr zu arbeiten. Sie zieht mit und ist immer dabei“, lobt die Trainerin ihren Schützling und fügt an: „Sie hat die beste Trainingsbeteiligung. Wären alle so oft da, stünden wir vielleicht besser.“ Für Fußball lässt Sly Sahm eben alles stehen und liegen.

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