Am Ball bleiben News 02.09.2009

[02.09.2009]
Die erklärungsbedürftigen Stereotype des Fußballs. Ein Interview mit der Soziologin Marion Müller

Warum ist die Rede von nationalen Mentalitäten, von afrikanischer Leichtfüßigkeit und deutschen Tugenden, im Fußball so verbreitet? Warum gab und gibt es für kickende Frauen Sonderregeln, auch wenn sie dasselbe Spiel spielen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Bielefelder Soziologin Marion Müller in ihrem Buch „Fußball als Paradoxon der Moderne. Zur Bedeutung ethnischer, nationaler und geschlechtlicher Differenzen im Profifußball“. Geforscht hat sie dafür auch bei drei Profivereinen.

Marion Müller

Frau Müller, Sie schreiben „Betrachtet man den Fußball als etwas Fremdes, wird auf einmal einiges erklärungsbedürftig.“ Was denn zum Beispiel?
Das sind Dinge, die Menschen, die sich in diesem Bereich bewegen, meist nicht mehr auffallen, etwa dass ständig mit nationalen Stereotypen hantiert wird – die Verspieltheit der Brasilianer, die Robustheit der Skandinavier oder Undiszipliniertheit der Afrikaner. Oder auch, dass als selbstverständlich gilt, dass Frauenfußball weniger beachtet wird, und dass es so etwas wie Ausländerbeschränkungen gibt. Vergleicht man das mit anderen gesellschaftlichen Bereichen, wird offensichtlich, wie absurd es ist. Eine Balletttänzerin würde man nicht auf diese Weise nach ihrer Nationalität charakterisieren oder sie nicht engagieren, weil sonst zu viele Nicht-EU-Ausländer im Ensemble sind. Und wenn der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels unterschiedlich dotiert wäre, je nachdem ob eine Frau oder ein Mann ihn gewinnt, wäre das ein Skandal. Im Fußball gilt es als gerechtfertigt, dass die Prämien und Gehälter der Frauen sehr viel niedriger sind als die der Männer.

Und das macht den Fußball zum Paradoxon der Moderne, wie es im Titel Ihres Buches heißt?
Dadurch widerspricht der Fußball auf jeden Fall Werten, die wir als Grundprinzipien einer modernen Gesellschaft definieren, nämlich die Gleichbehandlung aller Menschen, unabhängig von Geschlecht, nationaler und ethnischer Zugehörigkeit. In modernen Gesellschaften soll eben nicht wie in Feudalgesellschaften die Geburt über die soziale Position eines Menschen entscheiden, sondern seine Leistung. Das zumindest ist das Ideal.

Das Leistungsprinzip ist ja aber auch der Grundgedanke im Fußball.
Richtig. Im Fußball bzw. im Sport generell wird extrem auf das Leistungsprinzip abgehoben, es wird gemessen, verglichen, es werden Hierarchien erstellt. Aber wenn man sich das genauer ansieht, wird schnell klar, dass das eben nicht so einfach funktioniert. Neben relativ einfach messbaren Faktoren wie Schnelligkeit, Schussstärke usw. spielen auch „Psyche“ und „Charakter“ der Spieler eine Rolle und hier kommen dann sehr schnell nationale, ethnische und geschlechtliche Differenzen und Zuschreibungen ins Spiel.

Der Buchtitel

Sie stellen die Rolle von nationalen und geschlechtlichen Zuschreibungen im Fußball in Ihrem Buch in einen historischen Kontext. Können Sie das genauer erklären?
Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass ein Begriff wie „Rasse“ oder die Vorstellung von zwei körperlich gänzlich verschiedenen Geschlechtern keine Kategorien sind, die es schon immer gegeben hat. Diese Konzepte sind erst im 18. und 19. Jahrhundert entstanden, insbesondere durch die Naturwissenschaften und durch die Medizin, und haben so auch ihren Weg in den Sport gefunden. Ich ziehe in meinem Buch historische Parallelen zwischen der der Entstehung der Nationalstaaten und der neuen Geschlechterordnung auf der einen Seite und der Entwicklung des modernen Fußballs auf der anderen Seite. Diese verschiedenen Systeme haben sehr gut ineinander gepasst und sich gegenseitig bestätigt. Im modernen Sport geht es ja sehr viel um Grenzziehungen, um Identifikationsprozesse und um den Wunsch nach Authentizität und hier spielt die Idee der nationalen oder ethnischen Zugehörigkeit bis heute eine große Rolle und scheint diese Bedürfnisse sehr gut zu bedienen.

Sie haben Feldforschung beim 1. FSV Mainz 05, Arminia Bielefeld und dem VfL Wolfsburg gemacht. War es denn schwierig, Zutritt zu den Vereinen zu erhalten? Und dann noch als Frau?
Das war in der Tat mit einigen Mühen verbunden und ich habe von anderen Vereinen auch Absagen bekommen. Dass ich als Frau diese Forschung gemacht habe, hatte Vor- und Nachteile. Zum einen bin ich sehr aufgefallen, meine Anwesenheit bedurfte immer einer Erklärung, weil es für mich gerade im Umfeld der Mannschaften keine definierte Rolle gab. Dort halten sich nun mal in der Regel keine Frauen auf. Gleichzeitig hätte man einen männlichen Forscher vielleicht auch gar nicht hineingelassen. Ich hatte den Eindruck, dass ich als relativ ungefährlich und harmlos eingestuft wurde. Als Frau und zudem noch als Akademikerin wurde mir eine generelle Unwissenheit über Fußball unterstellt, quasi eine „natürliche Dummheit“. Das heißt, mir wurde alles erklärt und ich konnte alles fragen. Meine Anwesenheit hat bestimmte Effekte ausgelöst, es gab Blondinenwitze und dumme Sprüche auf meine Kosten, was oft nicht schön war, aber zugleich sehr aufschlussreich. Daran ließ sich beobachten, wie Ausschließungsprozesse der Mannschaft gegenüber Außenseitern, also in diesem Fall mir, funktionieren.

Und welche weiteren Antworten hat die Feldforschung Ihnen geliefert?
Sehr deutlich wurde zum Beispiel die prominente Rolle des Körpers. Wie die Spieler über ihren Körper reden, mit ihm umgehen, welche Rituale es gibt, etwa bei Berührungen untereinander – es dreht sich sehr viel um den Körper. Das ist natürlich auch naheliegend, da es im Sport um die Beobachtung von Körpern und körperliche Leistung geht. Das wird dann wiederum schnell damit verknüpft, ob der Körper weiblich oder männlich ist, weiß oder schwarz, welche persönlichen oder eben nationalen Eigenschaften ihm zugeschrieben werden. Der Leistungsvergleich ist im Sport angelegt und immer mit einer Bewertung verbunden, und das ist ein ganz ähnliches Muster, wie es bei nationalen oder Geschlechterstereotypen zu beobachten ist. Die Funktionslogik des Sports kommt einer Verwendung von Stereotypen, also der Zuschreibung von bestimmten Eigenschaften aufgrund von Geschlecht oder Nationalität, sehr entgegen. Das schlägt sich in Äußerungen von Spielern und Trainern ebenso nieder wie in den Kommentaren von Sportjournalisten. 

Auch ein Sport mit Tradition: Lotte Specht, die Gründerin des 1. deutschen Frauenfußballklubs (Das Illustrierte Blatt, 1930)

Was haben die Spieler Ihnen denn zum Stichwort Frauenfußball erzählt?
Ja, das war interessanterweise öfter Thema, hier wurde auch verglichen und zugleich darauf bestanden, dass Männer- und Frauenfußball vollkommen unvergleichbar und im Grunde zwei verschiedene Sportarten sind. Das hat mich sehr erstaunt, und wenn man sich das historisch anschaut, ist die Unvergleichbarkeit eben gar nicht selbstverständlich. Es hat die Verbände einige Mühen gekostet, den Frauenfußball dahin zu bringen. Nach der Aufhebung des Verbots von Frauenfußball in Deutschland gab es zunächst Sonderregeln wie größere Tore, weichere Bälle oder eine kürzere Spielzeit, die die Unvergleichbarkeit gefördert haben. Noch immer gültig ist die sogenannte Schutzhand-Regel, mit der Frauen ihre Brust schützen dürfen. Für Männer gibt es keine entsprechende Bestimmung. Da gilt ein Ball an die schützende Hand beim Freistoß als Handspiel.

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