Am Ball bleiben News 05.08.2009

[05.08.2009]
Julius Hirsch Preis 2009

Drei Fußball-Initiativen gegen Rechtsextremismus aus München, Jena und Hannover werden vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) mit dem Julius Hirsch Preis 2009 ausgezeichnet. Erstmals wird auch ein Ehrenpreis verliehen, den Giovanni di Lorenzo erhält, der Chefredakteur der Wochenzeitung "DIE ZEIT". Hier die offizielle Pressemeldung des DFB.

Julius Hirsch

„Julius Hirsch“ Quelle: DFB

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) verleiht den Julius Hirsch Preis 2009 am 9. September 2009 in Hannover an drei von der Fanszene getragene Initiativen aus München, Jena und Hannover, die sich nachhaltig gegen Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit eingesetzt haben. Den erstmals vergebenen Ehrenpreis erhält Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Wochenzeitung „DIE ZEIT“. Diese Entscheidungen fällte die Jury des Julius Hirsch Preises auf einer Sitzung im Jüdischen Zentrum in München.

Träger des Julius Hirsch Preises 2009 ist die Initiative „Löwenfans gegen Rechts“. Die seit mehr als 15 Jahren aktive Initiative von Fans und Anhängern des TSV München 1860 erhält ein Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro. Den zweiten Platz vergab die Jury an den in Jena beheimateten Verein „Hintertorperspektive", der von Anhängern des FC Carl Zeiss Jena gegründet wurde. Das Fanprojekt Hannover wurde auf den dritten Platz gewählt. Die Initiativen aus Jena und Hannover erhalten ein Preisgeld von 6.000 beziehungsweise 4.000 Euro für ihre antirassistische Arbeit.

Erstmals vergeben wird im Jahr 2009 der Ehrenpreis der Jury für außergewöhnliches und vorbildliches Engagement, das nicht von den Ausschreibungskriterien der Präambel des Julius Hirsch Preises erfasst wird. Der mit 5.000 Euro dotierte Ehrenpreis wird dieses Jahr an Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur und Mitherausgeber der Wochenzeitung „DIE ZEIT“, verliehen.

Der Preis in Erinnerung an den in Auschwitz ermordeten jüdischen Fußball-Nationalspieler Julius Hirsch (1892 bis 1943) war vom DFB im Jahr 2005 als eine Konsequenz aus der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Rolle des Verbandes in der NS-Zeit gestiftet worden. Er zeichnet den Einsatz für Toleranz und Menschenwürde, gegen Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus aus. Diese Entscheidung fällte die Jury um DFB-Präsident Theo Zwanziger, Bundesinnenminister a. D. Otto Schily und die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland Charlotte Knobloch. Neben weiteren Vertretern aus Politik, Kultur und Sport ist auch Gerd Wagner, Leiter des Projekts am Ball bleiben – Fußball gegen Rassismus und Diskriminierung Mitglied der Jury.

Die Preisträger:

Die Initiative „Löwenfans gegen Rechts" entstand im Umfeld des TSV München 1860 als Reaktion gegen das Phänomen zunehmender rechtsradikaler Äußerungen in den Stadien vor mehr als 15 Jahren. Die Gruppe engagiert sich im Stadion, im Internet und ihrem Magazin „Löwenmut“ gegen Diskriminierung, Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie rund um den Fußball. Mit ihren kreativen Aktionen hat sie sich dabei in den zurückliegenden Jahren einen bundesweiten Ruf in der Fanszene erarbeitet. Neben der Beteiligung an landes- und bundesweiten Fanaktionen gegen Rechts wurden schon früh zivilgesellschaftliche Vernetzungen im Umfeld gesucht und gemeinsame Maßnahmen mit gewerkschaftlichen Gruppen, Schwulen- und Lesben-Organisationen, aber auch dem Jüdischen Museum und der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau durchgeführt.

Zweiter Platz für "Hintertorperspektive e.V." in Jena

Ein Bewusstsein zu schaffen für den Fußball als Brücke zwischen Kulturen, Generationen und Subkulturen – das ist das Ziel von „Hintertorperspektive e. V.“ in Jena. Der gemeinnützige Verein ist ein Zusammenschluss von Fans des Drittligisten FC Carl Zeiss. Als Anlaufstelle für interessierte Jugendliche bietet er Projekt- und Informationsnachmittage zur Aufklärung über Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in Schulen und Jugendzentren an, vermittelt aber auch sogenannte „Fanpatenschaften“ für Aussiedler und Migranten. Im Rahmen des 2008 erstmals veranstalteten „Flutlicht-Festivals“ wurde ein Treffpunkt für Fans und Jenaer Bürger geschaffen, die sich bei Musik, Vorträgen und Workshops über Integration und Toleranz informieren konnten.

Dritter Platz an Fanprojekt aus Hannover

Von beeindruckendem Umfang sind auch die Maßnahmen des Fanprojekts Hannover, das – wie derzeit bundesweit 43 weitere Fanprojekte – im Rahmen des Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit (NKSS) von öffentlicher Hand, DFB und DFL für seine sozialpädagogische Fanarbeit finanziert wird. Spätestens seit Ende der 90er Jahre liegt ein wichtiger Focus der Arbeit darin, Problemwahrnehmung und Respekt zu fördern und Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu bekämpfen. Dies geschieht seit 2004 in enger Kooperation mit dem Arbeitskreis „96-Fans gegen Rassismus“, einer interdisziplinären Arbeitsgruppe aus verschiedenen Bereichen der Fanszene, der zuletzt beispielsweise entsprechende Schulungsmodelle für Vereinsmitarbeiter und Ordnungspersonal entwickelte. In Kooperation mit der Universität Hannover, Jugendzentren und Polizei wird aktuell ein Konzept zur Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in die Stadien erarbeitet.

Hintergründe zum Namensgeber des Preises Julius Hirsch

Mit der Stiftung des Julius Hirsch Preises verbindet der DFB die ehrende Erinnerung an seinen jüdischen Nationalspieler Julius Hirsch.

Die Idee zu diesem Preis reicht zurück in das Frühjahr 2005, als Nils Havemann uns die Ergebnisse des historischen Gutachtens „Fußball unterm Hakenkreuz“ zur Geschichte des DFB im Nationalsozialismus vorgelegt hatte. Nach intensiven Gesprächen mit der Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau, dem Zentralrat der Juden in Deutschland und nicht zuletzt der Familie Hirsch wurde uns klar, dass wir nun die Lehre aus der Geschichte des DFB ziehen und in konkretes Handeln umsetzen mussten. Ende 2005 wurde die Idee Wirklichkeit und der Julius Hirsch Preis in Leipzig erstmals verliehen.

Mit der Erinnerung an Julius Hirsch wendet sich der DFB seiner Vergangenheit bis in die Zeit des Nationalsozialismus zu. Julius Hirsch steht stellvertretend für viele bedeutende jüdische Spieler, Trainer und Funktionäre, die den deutschen Fußball bis 1933 maßgeblich geprägt haben. Unter dem Druck des menschenverachtenden Naziregimes haben sich der DFB und seine Vereine von diesen Helden und Pionieren abgewandt und sie damit ihrem Schicksal ausgeliefert. Per DFB–Dekret aus dem April 1933 mussten die jüdischen und kommunistischen Mitglieder ihre Heimatvereine verlassen. Viele von ihnen wurden ermordet.

Mit der Stiftung des Julius Hirsch Preises erinnert der DFB nicht nur an die Opfer. Er will ein öffentliches Zeichen für die Unverletzbarkeit der Würde des Menschen setzen, in den Stadien und in der Gesellschaft.

Copyright © 2007 amballbleiben.orgImpressum