Am Ball bleiben News 11.06.2009

[11.06.2009]
„Das vergessene Fußballgenie“ Arthur Friedenreich und der brasilianische Rassismus

Der erste Fußballer Brasiliens, der so brasilianisch spielte und trickste, wie wir es heute kennen, hatte deutsche Wurzeln und eine schwarze Hautfarbe. Martin Curi hat sich auf die Spuren von Arthur Friedenreich begeben und eine Biographie über das vergessene Genie am Ball veröffentlicht.

Martin Curi, wurde in Freising geboren und lebt seit einigen Jahren in Rio de Janeiro. Dort promoviert er derzeit mit einer anthropologischen Arbeit zum Thema Fußballfans. Er ist Mitherausgeber der Online-Zeitschrift esportesociedade.com, die die Zusammenhänge zwischen Sport und Gesellschaft thematisiert, und publizierte unter anderem für Rund, 11Freunde und Stadionwelt.

Mehr unter www.martin-curi.com

Die Geschichte von Arthur Friedenreich, der 1892 in São Paulo geboren wurde, ist auch eine Geschichte Brasiliens. Am Werdegang des Fußballers, der lange vor Pelé, Ronaldo und Ronaldinho die Zuschauer mit Toren und technischen Kunststücken begeisterte, lässt sich die Entwicklung der brasilianischen Gesellschaft nachverfolgen. Martin Curi, der selbst in Rio lebt, hat eine Biographie Arthur Friedenreichs geschrieben. Im Gespräch mit amballbleiben.org berichtet er über das Leben des Fußballers, dessen Stellung in der brasilianischen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts und den Rassismus im brasilianischen Fußball.

Wie ist die Idee zu dem Buch entstanden?

2005 habe ich eine Recherche für die Spiegel TV/ZDF –Produktion „Faszination Fußball“ gemacht. Dieser Dokumentarfilm wurde kurz vor der WM gezeigt und hatte ein Kapitel über Friedenreich. Dabei habe ich praktisch das komplette Material für das Buch gesammelt. Schon damals fand ich die Geschichte einer deutschen Familie die so maßgeblich an der Gründerzeit des brasilianischen Fußballs teilgenommen hat so faszinierend, dass ich das Thema dem Werkstatt Verlag vorgeschlagen habe.

Friedenreichs Vater war deutschstämmiger Einwanderer, seine brasilianische Mutter eine ehemalige Sklavin mit schwarzer Hautfarbe. Was hieß das für seine soziale Stellung im Brasilien zu Beginn des 20. Jahrhunderts?

Arthur Friedenreich fand sich in einer Zwitterposition: Er war ein schwarzer Deutscher. Als Deutscher hatte er Zugang zu Einrichtungen der Mittel- und Oberschicht, wie es zum Beispiel die Fußballvereine waren. Als Farbiger wurde er dort stets unterschwellig diskriminiert. Ich bin mir sicher, dass er nie mit „Negerschwein“ oder ähnlichem beschimpft wurde, aber er musste stets Maßnahmen ergreifen, um zu zeigen, dass er trotz dunkler Hautfarbe nicht zur Unterschicht gehörte. Diese Maßnahmen waren: teure Anzüge, geglättetes Haar oder sogar Haarnetze. Auch erfolgreiche Farbige in anderen Bereichen wie der Ingenieur André Rebouças und der Schriftsteller Machado de Assis versuchten übrigens, sich „weißer zu machen“ indem sie Kleidung, Wortwahl und Haarschnitt der weißen Elite annahmen.

Arthur Friedenreich mit Haarnetz

Heißt das, Rassismus in Brasilien funktionierte damals anders, eben unterschwelliger, als in Deutschland oder Europa?

Wenn man über den brasilianischen Rassismus spricht, dann muss man sich erst mal von deutschen Vorstellungen über Rassismus lösen. Während in Deutschland „Ausländer raus“ gebrüllt wird, will man die Farbigen in Brasilien keinesfalls fortschicken. Im Gegenteil, sie müssen in Brasilien bleiben, um die niedrigen Arbeiten zu erledigen. Es gab auch nie explizite Gesetze zur Rassentrennung, wie das in Nazi-Deutschland, den USA oder Südafrika der Fall war. Das letzte Gesetz, dass zumindest indirekt eine Rassentrennung vorschrieb, war die Regulierung der Sklaverei, die 1888 aufgehoben wurde. Seitdem verstand sich Brasilien als Demokratie, die allen offen stand. Dunkle Hautfarbe war aber weiterhin ein Zeichen für untere Schichten. Der Rassismus war und ist weiterhin sehr versteckt, ja ich würde sagen pervers, da er offiziell nicht existiert, aber in den täglichen individuellen Beziehung stets präsent ist. Diese Situation wird mit „Ausgrenzung durch Einschluss“ oder „Rassismus ohne Rassisten“ beschrieben.

Als der Autor Stefan Zweig vor den Nazis floh, ging er ins Exil nach Brasilien. Er lobte in seinem Buch „Brasilien – Land der Zukunft“ besonders das friedliche Zusammenleben der Ethnien. Sein Buch war allerdings ein Flop in Brasilien, denn die Brasilianer verstanden es nicht. Er lobte alles das, was die Brasilianer hassten. Zweig war einem typischen Missverständnis aufgesessen.

Und wie sieht es heute aus? Du beschreibst Friedenreichs Karriere ja als Symbol für einen Wandel der brasilianischen Gesellschaft. Ist Rassismus heute in Brasilien und speziell im Fußball, auch unter den Fans, ein Thema?

Ich habe für eine FARE-Aktion einige Fans bei Spielen interviewt, dabei bekam ich einmal folgende Antwort: „Ich bin kein Rassist. Wie sollte ich auch? Ich bin doch Brasilianer!“ Es ist heute fest in das Selbstverständnis der Brasilianer verwurzelt, dass sie ein nicht-rassistisches Land sind. Deshalb werden Diskussionen zu diesem Thema auch relativ schnell abgewürgt. Man muss sich klar machen, dass ein brasilianischer Fanblock niemals offen rassistische Gesänge anstimmen wird. Die Diskussionen über die Außendarstellung des Landes sind verstummt, da man sich in den 30er- und 40er-Jahren als positives Gegenmodell zum Desaster von Nazi-Deutschland etablieren konnte. Besonders das Buch „Herrenhaus und Sklavenhütte“ des bekannten Soziologen Gilberto Freyre gab der These der Rassendemokratie einen intellektuellen Unterbau. Von da an war es verboten, über Rassismus in Brasilien zu sprechen.

Inzwischen ist es sogar so, dass Brasilien sich als Antirassismus-Autorität begreift, die andere Länder anklagen darf. Immer wieder empören sich Brasilianer über Diskriminierungen, die farbige Spieler in Europa erfahren. Der Torschützenkönig der Bundesliga, Grafite, hatte ein interessantes Erlebnis. Er wurde bei einem Libertadores-Spiel seines Vereins São Paulo FC gegen Quilmes CA aus Argentinien von dem argentinischen Spieler Desabato rassistisch beschimpft. Die Worte waren aufgrund von Fernsehbildern erahnbar und so wurde Desabato direkt vom Spielfeldrand weg verhaftet. Er hatte nicht einmal das Recht zu duschen und musste eine Nacht in einem brasilianischen Gefängnis bleiben. Grafite wurde zur Anzeige praktisch genötigt. Der Fall füllte wochenlang die Zeitungen und hatte vor allem einen Zweck: Die Argentinier als Rassisten abzustempeln und Brasilianer als Antirassisten zu profilieren. Grafite bereut die Anzeige heute, da er sagt, dass er von den Medien zur Produktion von Sensationen missbraucht wurde. Ganz abgesehen davon, dass es sich um eine offene Aggression gegen Argentinier handelte.

Der brasilianische Rassismus zeigt sich jedoch heute in der Tatsache, dass über die Hälfte der Bevölkerung farbig ist, aber nur etwa geschätzte 10 % der Personen in höheren Positionen Farbige sind. Im Fußball drückt sich das so aus, dass 90 % der Funktionäre, Trainer, Schiedsrichter, Sportjournalisten, Besitzer von VIP-Logen, ja sogar der Mannschaftskapitäne Weiße sind. Ähnliches gilt für Politiker, Unternehmer, Professoren, Richter etc. Und hier ist der Fußball ein Spiegel des Landes.

Lesereise in Deutschland:

Martin Curi liest aus seinem Buch Friedenreich: Das vergessene Fußballgenie

Termine, Orte und Veranstalter:

19.06.09 Nürnberg, Zeitungscafé (Deutsche Akademie für Fußballkultur), 19:30 Uhr

24.06.09 Hamburg, Jolly Roger (Ballkult), 20:00 Uhr

29.06.09 Berlin, Zielona Gora (Brot-und-Spiele e.V.), 20:00 Uhr

30.06.09 Berlin, Baiz (Rosa-Luxenburg-Stiftung), 20:00 Uhr

01.07.09 Leipzig, Fischladen (Bunte Kurve), 20:00 Uhr

Martin Curis Buch steht auf der Nominierungsliste der Deutschen Akademie für Fußballkultur zum Fußballbuch des Jahres 2009

Arthur Friedenreich war so etwas wie der „Erfinder“ dessen, was noch heute als brasilianische Fußballmentalität gilt, ein trickreicher Stürmer und Künstler am Ball? Wieso ist er dennoch so in Vergessenheit geraten?

Das hat verschiedene Gründe, aus meiner Sicht gibt es jedoch zwei Hauptursachen: Der erste Grund ist der Wandel in der Rassismusfrage, die ich beschrieben habe. Friedenreich hat seine Karriere 1935 beendet. Freyres Buch, das zur nationalen Euphorie und der positiven Außendarstellung des multiethnischen Brasilien führte, wurde 1933 veröffentlicht. Vor diesem Datum wurden erfolgreiche schwarze Karrieren versteckt. Das ist aus meiner Sicht fundamental. Der andere Grund ist, dass Friedenreich während der Amateurzeit in den Amateurclubs Germania und Paulistano gespielt hat, die den Schritt in den Professionalismus nicht gegangen sind. Diese Vereine existieren weiterhin, aber nicht als Profiklubs. Sie brauchen also keine große Werbekampagne wie dies Flamengo oder São Paulo FC machen. Diese Vereine erinnern mit ihrer Marketingmaschinerie ständig an ehemalige Stars. Das gleiche gilt für die Nationalmannschaft. Nachdem Friedenreich keine WM gespielt hat, fehlt ihm auch diese Plattform. Andere Gründe sind das Fehlen der Massenmedien zu Beginn des Jahrhunderts und der komplizierte Name, der so gar nicht brasilianisch erscheint.

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