Am Ball bleiben News 16.04.2009

[16.04.2009]
Buchtipps: „Ultrakulturen und Rechtsextremismus“ und „In der NPD“

Zwei Neuerscheinungen widmen sich auf unterschiedliche Weise dem Thema Rechtsextremismus: Eine politikwissenschaftliche Studie untersucht das Thema Ultrakulturen und Rechtsextremismus, ein Reportageband zur NPD zeigt die Strategien der Partei, die auch den Fußballplatz als Ort der politischen Agitation nutzt.

Jonas Gabler: Ultrakulturen und Rechtsextremismus: Fußballfans in Deutschland und Italien. PapyRossa Köln 2009. 14 Euro

Ultrakulturen und Rechtsextremismus: Fußballfans in Deutschland und Italien ist die als Buch veröffentlichte Diplomarbeit des Berliner Politikwissenschaftlers Jonas Gabler, dessen Motivation, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, auch eine ganz persönliche ist: etwa die Frage, wie eine Fankurve „links“ oder „rechts“ ist oder wie der Zusammenhang von Politik und politischen Symbolen mit der Fankultur aussieht. Jonas Gabler liefert grundsätzliche Überlegungen zur Entstehung rechtsextremer Erscheinungsformen im Fußball, die insbesondere die spezifische Kultur der Fanszene und die Wirkungsweisen sozialer Kontrolle in einer Kurve berücksichtigen. Im Überblick über die historische Entwicklung der Fankulturen in Italien und Deutschland treten vor allem Unterschied zutage: In Italien ist die Entstehung der Ultraszenen unmittelbar mit der Protestbewegung der 1960er- und 1970er-Jahre verbunden und an vielen Orten zunächst stark links orientiert, während die westdeutsche Fankultur der 70er- und 80er-Jahre von Kutten und Hooligans geprägt war und das Phänomen Ultrà hier erst mit einiger Verspätung und einer deutlich weniger ausgeprägten Politisierung Einzug hielt. Für die italienische Ultrabewegung stellen die 80er-Jahre mit einer Mischung aus Repression, gesellschaftlichem Rechtsruck und einer Verharmlosung von Rassismus und Rechtsextremismus, die auch den Fußball prägen, die Weichen nach rechts. In der Bundesrepublik hingegen setzte in diesen Jahren, wenn auch langsam und vor allem am Thema Gewalt orientiert, eine präventiv orientierte Beschäftigung mit den jugendlichen Fankulturen ein: Die sozialpädagogischen Fanprojekte wurden gegründet.

Beim Blick auf die aktuelle Situation zeichnet Gabler für Italien ein eher düsteres Bild. Auch wenn eine 1:1-Übernahme des deutschen Modells wenig Sinn hätte, liegen hier seiner Meinung nach die Ansätze, rechte Hegemonien in den italienischen Fankulturen zu durchbrechen bzw. ihre Entstehung zu verhindern. Dazu jedoch bedarf es des Engagements der Vereine und Verbände, sich dem Problem zu stellen, und es gilt, die Skepsis der im Vergleich zu Deutschland in sich geschlosseneren und homogeneren italienischen Fanszene gegenüber Interventionen „von außen“ zu überwinden. Das größte Hindernis liegt für Gabler jedoch in der politischen Kultur Italiens: „Solange das offen fremdenfeindlich-rassistische Auftreten der Lega Nord durch die regelmäßige Einbindung in das Mitte-Rechts-Bündnis und entsprechende Regierungsbeteiligung politisch legitimiert wird, besteht wenig Hoffnung, dass der Rassismus im Stadion parteiübergreifend als Problem wahrgenommen wird.“

Über Fußballplatz und Feuerwehr in die Mitte der Gesellschaft

Christoph Ruf, Olaf Sundermeyer: In der NPD. Reisen in die National Befreite Zone. C.H. Beck München 2009, 12,95 Euro

Die rechte politische Kultur außerhalb des Fußballs ist auch Thema des Reportagebandes In der NPD. Reisen in die National Befreite Zone der Journalisten Christoph Ruf und Olaf Sundermeyer, die beide auch zum Thema Fußball arbeiten. 2009, so die Autoren im Vorwort, kann für die NPD ebenso wie für ihre Gegner zum entscheidenden Jahr werden, weniger die Bundes- als vielmehr Landtags- und Kommunalwahlen werden darüber entscheiden, ob es der NPD lang- bis mittelfristig gelingt, die Demokratie von rechtsaußen mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen. Die Reportagen von Ruf und Sundermeyer aus Brandenburg, Bayern oder Vorpommern zeigen, wie weit die Partei insbesondere in der Provinz auf ihrem Weg in die so gern beschworene Mitte der Gesellschaft bereits gekommen ist. In dieser Mitte, auch das wird seit einigen Jahren bereits immer wieder geschildert, liegen der Sportplatz, die freiwillige Feuerwehr oder der Heimatverein. Die Autoren haben dort recherchiert, wo die rechtsextremen Milieus prosperieren, auf Europas größtem Rechtsrock-Festival, dem „Fest der Völker“ in Jena und bei Aufmärschen der autonomen Nationalisten. Sie porträtieren rechte Jugendliche in der Provinz ebenso wie Autonome Nationalisten, die den Lifestyle der linken Szene kopieren und auch mit antikapitalistischen Parolen Anschluss finden.

Christoph Ruf und Olaf Sundermeyer haben auch zahlreiche Vertreter der Partei getroffen, die erstaunlich bereitwillig Auskunft geben darüber, wie der Sprung an die Macht gelingen soll und welche allzu deutlich nationalsozialistische Rhetorik und Agitation auf dem Weg dorthin nur schaden kann. Dass bei aller Kritik an Globalisierung und Kapitalismus, wie sie auch vonseiten der NPD en vogue ist, der rassistische Über- und Unterbau jedoch nie fehlen darf, wird ebenso deutlich: „Sozial geht nur national“ soll das Motto für das Wahljahr 2009 lauten. Die aktuellen Entwicklungen – innerparteiliche Querelen, der drohende finanzielle Kollaps und das laufende Gerichtsverfahren wegen des rassistischen „WM-Planers“ – lassen zumindest hoffen, dass es für die NPD ein alles andere als erfolgreiches Jahr wird.

Rezensionen zu In der NPD:

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