Am Ball bleiben News 03.11.2008

[03.11.2008]
Strategien gegen Randale im Stadion – Veranstaltung der Grünen in Hamburg

Eine Veranstaltung der Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion versammelte am vergangenen Donnerstag im Haus des Sports in Hamburg ein breit besetztes Podium aus Vereinen, Verbänden, Politik und Fanszene, um über Gewalt und Diskriminierung im Fußball zu diskutieren.

Der Diskussionsrunde vorausgegangen war am Vormittag ein Besuch der Grünen-Politiker/innen bei den Hamburger Fanprojekten. Die Bundestags- bzw. Bürgerschaftsabgeordneten Horst Becker, Monika Lazar, Claudia Roth, Krista Sager und Manuel Sarrazin ließen sich von den Mitarbeiter/innen des Fanladen St. Pauli und des HSV-Fanprojekts über U16-Fahrten, Kiezkick und Antirassismusaktionen informieren, aber auch über die Probleme, die Fußballfans verursachen, und denen sie sich umgekehrt durch unzulässige Schikanen durch Ordnungsdienste und Polizei ausgesetzt sehen.

Von Flaschenwürfen zu Einschränkung der Bürgerrechte – vielfältiges Themenspektrum

In der Diskussion stand zunächst ein Überblick über die vielfältigen Facetten des Themas an, darunter auch die Veränderungen der vergangenen zwanzig Jahre, die auch die Geschichte der professionellen Fanarbeit in Deutschland umfassen, eine stärkere Kommerzialisierung des Fußballs und einen Wandel der Fankultur. Die seit 2006 eingerichteten Fananlaufstellen bei DFB und DFL, so die jeweiligen Verantwortlichen Gerald von Gorrissen und Thomas Schneider, seien Signale für eine größere Dialogbereitschaft aufseiten der Verbände, die mit dem Fankongress 2007 und der Änderung der Stadionverbotsrichtlinien erste Ergebnisse gebracht habe. Neben dem Thema Gewalt ging es aber auch um Rassismus und Diskriminierung im Fußball und den Umgang damit – hier spielte insbesondere das Spiel zwischen dem FC St. Pauli und Hansa Rostock vor wenigen Wochen eine Rolle, bei dem es nicht nur zu Flaschenwürfen und Angriffen kam, ohne dass die Polizei rechtzeitig eingriff, sondern auch zu diskriminierenden Gesängen, in die ein Großteil des Rostocker Heimpublikums einstimmte. Intensiv wurde in der Runde über die möglichen Gegenmaßnahmen, die Einflussmöglichkeiten der Fanprojektarbeit und die Selbstregulierung der Fanszene diskutiert.

Ein weiterer Aspekt, der für die Grünen-Politiker/innen von besonderem Interesse war, war die Frage nach der, wie es Wilko Zicht vom Bündnis Aktiver Fußballfans, BAFF, formulierte, „Aushöhlung der Bürgerrechte im Fußball“. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland wurde vonseiten kritischer Fans bereits darauf hingewiesen, dass die Fanszene als eine Art Testfeld für neue Technologien und Sicherheitsinstrumente dient und im Fußballbereich, etwa durch die Handhabung der Stadionverbote oder das Verhalten von Ordnungskräfte – wie das aktuelles Beispiel eines UEFA-Cup-Spiels in der Schalker Arena zeigt – Rechtsgrundsätze vorübergehend außer Kraft gesetzt werden.

Verbesserungspotenziale für Hamburg und anderswo

Zunehmend verstärkt sind in den unteren Ligen sind Probleme mit Gewalt und Diskriminierung anzutreffen, auch hier also werden Lösungsstrategien gesucht. In Hamburg ist dies zum Beispiel das neue Projekt „Kontaktteam“ des Hamburger Sportbundes, das Schulungen für Konfliktmoderation im Amateurbereich durchführt. Dieter Bänisch, Geschäftsführer des Trägervereins der beiden Hamburger Fanprojekte, wies bei der Vorstellung der Aktion auf die Möglichkeit einer zukünftigen Einbindung von Fanprojekten auch in den Amateurbereich hin. Konkret wurde die Diskussion natürlich insbesondere auch beim Bezug auf die beiden Hamburger Profivereine – mit St.-Pauli-Präsident Corny Littmann und HSV-Vorstandsmitglied Christian Reichert saßen hier prominente Vertreter am Tisch. Einig war man sich darin, dass es bereits viele positive Ansätze und Aktionen gibt, nicht nur beim FC St. Pauli mit seiner explizit politisch engagierten Fanszene, sondern auch beim HSV, der in den 80er- und frühen 90er-Jahren in seiner Fanszene große Probleme nicht nur mit Gewalt, sondern auch mit Rassismus und Rechtsextremismus hatte. Hier hat sich in den vergangenen Jahren viel getan, durch Aktionen und Initiativen von Verein, Fanprojekt und den Fans selbst. Wie wichtig der Einfluss von Spielern auf das Verhalten der Fans ist, zum Beispiel durch klare Statements gegen Diskriminierung, konnte auch Thomas Meggle, selbst aktuell für St. Pauli und ehemals für Hansa Rostock aktiv, bestätigen.

Ein deutliches Verbesserungspotenzial für Beispiel Hamburg musste die Runde im Bereich der Zusammenarbeit mit der Polizei feststellen, deren Vertreter eine Teilnahme an der Diskussionsveranstaltung abgelehnt hatten. Ein besserer und kontinuierlicher Dialog zwischen Sicherheitsbehörden, Vereinen und Fans und die Einrichtung einer Clearingstelle – das waren konkrete Forderungen der Fans- und Vereinsvertreter und damit eine Aufgabe für die Politik, der sich Die Grünen, die in Hamburg ja seit Kurzem in der Regierungsverantwortung sind, in Zukunft annehmen wollen. Monika Lazar, Sprecherin für Strategien gegen Rechtsextremismus, wies in ihrem Schlusswort ebenfalls noch einmal auf die Verantwortung der Politik hin. Erfreulich sei, dass in Sachsen – dem Heimatbundesland von Lazar – die Landesregierung nun bereit wäre, ihren Teil zur Drittelfinanzierung der Fanprojekte beizutragen, in vielen anderen Bereichen hingegen bliebe noch reichlich Überzeugungsarbeit, zu leisten, auch bei den Fußballvereinen und -verbänden selbst, etwa was das Thema Diskriminierung anginge. Die Übernahme sozialer Verantwortung durch alle gesellschaftlichen Akteure sei, nicht nur im Fußball, der beste Weg gegen Intoleranz und Diskriminierung: „Wenn wie in Stralsund geschehen Familienfeste von der NPD organisiert werden, dann weist das auf eine klare Lücke in der Gesellschaft hin, die wir so nicht hinterlassen dürfen.“

Einen Überblick über die Teilnehmer/innen der Hamburger Diskussionsrunde finden Sie auf der Website von Monika Lazar. Die Veranstaltung in Hamburg war Teil der Fußballtour 2008 unter dem Titel „Rote Karte gegen Gewalt und Intoleranz mit Besuchen in Fanprojekten und einer weiteren Veranstaltung in Leipzig im Rahmen der Ausstellung „Ballarbeit – Szenen aus Fußball und Migration“. Einen Text dazu lesen Sie in unserem Newsarchiv.

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