Am Ball bleiben News 30.10.2008

[30.10.2008]
Ende des Versteckspiels – die Biografie des schwulen Fußballers Marcus Urban

Eine Biografie über einen Mann von 37 Jahren ist eher ungewöhnlich, im Fall von Marcus Urban handelt es sich allerdings um die Geschichte eines schwulen Fußballers. Seine Erlebnisse in der DDR-Jugendnationalmannschaft und der Oberliga und vor allem den schwierigen Weg zum Coming-out schildert das Buch von Ronny Blaschke.

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Wer sich von „Versteck Spieler“ Enthüllungen über weitere schwule Fußballer in deutschen Ligen verspricht, wird enttäuscht werden. Auch darüber, was ein offen homosexueller Kicker von Fans und Funktionären zu erwarten hätte, muss weiter spekuliert werden, denn Marcus Urban hat sich erst nach Ende seiner aktiven Karriere geoutet. An seiner Begabung hat es nicht gelegen, denn Marcus Urban galt bei Rot-Weiß Erfurt als eines der größten Talente des ostdeutschen Fußballs. Mit zwanzig Jahren stellt er jedoch fest, dass die Belastung, seine sexuelle Orientierung vor Familie, Kollegen, Trainern und vor allem auch sich selbst zu verbergen, nicht mit den Anforderungen einer Profilaufbahn im Fußball zu vereinbaren ist. Wer Verstecken spielt, kann nicht auch noch Fußball spielen.

Das Buch schildert eine seelische Zerrissenheit, die so oder ähnlich vermutlich in vielen Geschichten eines Coming-outs vorkommt. Die Rolle, die der Fußball und seine Männlichkeitsideale im Leben des Protagonisten spielen, ist für ihn jedoch eine zusätzliche Hürde auf dem Weg zu einem selbstbestimmten, aufrichtigem Leben. Wenn Marcus Urban mit seiner Geschichte in Interviews, bei Veranstaltungen und nun mit diesem Buch an die Öffentlichkeit geht, dann um dazu beizutragen, dass andere es leichter haben und Homosexualität auch für Fußballer Teil ihres öffentlichen Lebens sein kann.

Aufklärung statt Enthüllung

Infos:

Das Buch Versteckspieler –
Die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban
ist im Verlag Die Werkstatt erschienen und kostet 9,90 Euro.

Eine Leseprobe gibt es auf Ronny Blaschkes Website

Ergänzt werden die biografischen Schilderung aus Urbans Leben durch Exkurs“ zu verschiedenen Aspekten des Themas Homophobie im Fußball, mit denen Ronny Blaschke sich bereits als Journalist beschäftigt hat. Die Texte zu schwullesbischen Fanklubs und Vereinen, zur spezifischen Situation im Frauenfußball oder der wissenschaftlichen Bearbeitung des Themas liefern viele Hintergrundinfos, die ebenso wie das ganze Buch dem Motto „Aufklärung statt Enthüllung“ folgen. Das Buch von Ronny Blaschke und Marcus Urban bietet keinen Anlass für Spekulationen über den ersten schwulen Nationalspieler, sondern ist ein Plädoyer für die offensive Auseinandersetzung mit allen Formen von Diskriminierungen im Fußball, sei es aufgrund von Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder sexueller Orientierung, und für mehr Toleranz bei Fans, Funktionären und Aktiven. Anlass zu vorsichtigem Optimismus in dieser Hinsicht gibt es auf jeden Fall: „Die Reaktionen von Spielern und Trainern, die ich bis jetzt erlebt habe, waren fast durchweg positiv. Und wenn ein heterosexueller Spieler öffentlich sagt, dass er kein Problem mit einem schwulen Mitspieler hätte, dann kann man das auch schon als ein kleines Outing betrachten“, so Marcus Urban während der Präsentation des Buches am Mittwoch in Hamburg.

Marcus Urban lebt als Designer in Hamburg und spielt weiter Fußball – im schwul-lesbischen Sportverein „Startschuss“. Ronny Blaschke lebt als Sportjournalist und Autor in Berlin und schreibt u. a. für die Süddeutsche Zeitung, Berliner Zeitung und Financial Times.

Aktuell zum Thema passt auch die Nachricht, dass der Bund Lesbischer und Schwuler JournalistInnen (BLSJ) am vergangenen Wochenende die Fernsehreportage „Das große Tabu – Homosexualität und Fußball“ von Aljoscha Pause mit dem alljährlich verliehenen Felix-Rexhausen-Preis 2008 ausgezeichnet hat. Der für das Deutsche Sportfernsehen DSF produzierte Beitrag wurde am 28. Mai diesen Jahres gesendet. „Die ebenso informative wie unaufgeregt gehaltene Reportage deckt auf subtile Weise auf, wie weit Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit im Fußball tatsächlich verbreitet ist – und zwar auf allen Ebenen“, so heißt es in der Begründung der Jury. Zur Pressemitteilung des BLSJ.

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