Am Ball bleiben News 26.02.2008

[26.02.2008]
„Die sollen doch zu uns in den Verein kommen“ – Integration erfordert interkulturelle Kompetenz

Angelika Ribler ist diplomierte Sportwissenschaftlerin und Psychologin, das ist eine gute Kombination, wenn man sich mit interkulturelllen Konflikten in Sportvereinen und -verbänden beschäftigt. Sie ist als Mediatorin und Beraterin in verschiedenen Projekten für die Sportjugend Hessen, den Hessischen Fußballverband tätig und arbeitet als Referentin des Instituts Sportmediation zudem für weitere Institutionen auch außerhalb von Hessen.

Angelika Ribler

Zu ihren Aufgaben gehört unter anderem das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderte Projekt der Mobilen Interventionsteams in Hessen, die insbesondere Vereine zum Thema Rechtsextremismus beraten:

In der Regel sind es nicht die Vereine selbst, die sich an uns wenden, sondern wir bekommen Hinweise von außen. Denn es sind Fälle, wo die Vereine oft sehr hilflos sind, und es kann ganz unterschiedlich aussehen: Von dem Unwissen, was die 88 auf dem Trikot bedeutet, über den Trainer, der NPD-Funktionär ist, oder die Frage, ob die Kinder des NPD-Landesvorsitzenden im Verein Fußball spielen dürfen. Da kommen wir und beraten, sowohl darüber, wie der Verein nach außen Zeichen setzen kann, als auch nach innen. Wir entwickeln zum Beispiel gemeinsame Erklärungen und Kodexe für Trainer und Betreuer zur Umsetzung demokratischer Prinzipien. Insgesamt geht es hier vor allem darum, die Vereine selbst zu stärken.

Aktuell ist beispielsweise die Unterwanderung kleiner Vereine durch organisierte rechtsextreme Parteien oder freie Kameradschaften ein viel diskutiertes Thema, trotz solcher Vorkommnisse sieht Angelika Ribler jedoch positive Entwicklungen, was die Sensibilisierung von Vereinen und Verbänden im Umgang mit Rechtsextremismus angeht.

Einige Verbände in den alten Bundesländern haben mittlerweile ein kleines Projekt oder einen Ausschuss zu dem Thema Rechtsextremismus und Gewaltprävention, auch in den neuen Ländern gibt es positive Ansätze, so hat der Landessportbund Thüringen gerade eine Broschüre zum Thema Rechtsextremismus im Sport herausgegeben. Diese Arbeit bedarf jedoch einer hauptamtlichen Struktur, um erfolgreich, zu sein, das merken wir immer wieder. Wenn so etwas nur von Ehrenamtlichen geleistet werden soll, kann keine Nachhaltigkeit erreicht werden.

Integration muss auf vielen Ebenen geschehen

Bei der zweiten Tagung für Toleranz im Fußball, die am 22. und 23. Februar in Hannover stattfand, stand jedoch nicht das Thema Rechtsextremismus im Vordergrund, sondern die Leitfrage lautete „Integration – die Herausforderung im Fußball?“ Gemeinsam mit Günter Max Behrendt und Sahabeddin Buz, die beide bei der Stadt Hannover im Bereich Antidiskriminierung bzw. Integration arbeiten, leitete Angelika Ribler hier einen Workshop mit dem Titel „Kulturelle Vielfalt und interkulturelle Kompetenz“. In ihrer Arbeit für die Sportjugend Hessen koordiniert Ribler das Thema Integration rund um den Sport, leistet aber auch darüber hinaus viel sportpolitische Arbeit in anderen Institutionen. Ein Aspekt, der, wie sie meint, häufig zu kurz kommt:

Auf der personellen Ebene, also da, wo es um Stärkung von sozialen Kompetenzen durch Weiterbildung und Qualifikation geht, da passiert schon einiges. Aber die Bedeutung anderer Ebenen wird noch sehr unterschätzt: Da ist zum einen die organisationale Ebene, der Einfluss von Strukturen, Routinen und Abläufe in den Organisationen auf eine Eskalation von Konflikten. Ein Beispiel wäre, wenn bei einer Partie mit hohem Konfliktpotenzial junge, unerfahrene Schiedsrichter eingesetzt werden. Da muss man herausfinden, wie solche Einteilungen zustanden kommen. Die dritte Ebene ist die gesellschaftliche, also der Einfluss aktueller politischer Entwicklungen auf den Fußball, der darauf sehr sensibel reagiert. Ich bin sicher, ich werde in den nächsten Wochen einen „Kosovo-Konflikt“ bei mir auf dem Schreibtisch haben.

Eröffnungsdiskussion in Hannover vor voll besetztem Plenum

Einer der zentralen Punkte der Debatte um Integration im Fußball ist die Frage, warum Menschen mit Migrationshintergrund so selten in den Vereins- und Verbandsstrukturen vertreten sind, zumindest oberhalb der Mitgliederebene. Um diese Zugänge zu erleichtern wäre, so Angelika Ribler, eine interkulturelle Öffnung der Vereine nötig und ein pluralistisches Integrationsverständnis, das nicht auf einer einfachen Forderung nach Anpassung besteht.

Genau das ist auch die Theorie, also das offizielle Selbstverständnis des DOSB, das man in der Erklärung zu diesem Thema findet () . Die inoffizielle, tatsächliche Haltung ist jedoch oft noch immer von einem anderen Diskurs geprägt. Dazu gehört zum Beispiel die große Skepsis und Abwertung von migrantischen Vereinen, denen Segregation und die Schaffung einer Parallelgesellschaft vorgeworfen wird. Dabei sind nicht überall, wo „Türkspor“ draufsteht, auch nur türkeistämmige Personen im Verein organisiert, das ist ja längst bunt gemischt, abgesehen davon haben viele die deutsche Staatsangehörigkeit.

Trotzdem, so Ribler, sei die Ansicht vorherrschend, „die“, also die migrantischen Vereine, würden „uns“ nur Probleme machen, und damit verbunden eben auch die Haltung, dass Integration vor allem in der Anpassung der Menschen mit Migrationshintergrund besteht.

„Die“ können doch in „unseren“ Verein kommen, heißt es dann, und in solchen Aussprüchen erkennt man natürlich auch die Teilung in Wir und Sie. Viele migrantische Spieler bringen dann schon jede Menge Diskriminierungserfahrungen mit auf den Platz, bevor das Spiel überhaupt losgegangen ist.

Ideensammlung - So könnte der ideale Verein aussehen

Willkommenskultur fördern

Wie Konflikte zu vermeiden sind und wie Sportvereine und -verbände ihre Bemühungen um Bereich Integration und interkulturelle Kompetenz verstärken können, dafür gab es in Hannover viele Ideen und Vorschläge. Nicht nur die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, auch Angelika Ribler nimmt Anregungen und Erzählungen von dieser Tagung mit in weitere Veranstaltungen und Beratungen. Ein wichtiger Punkt, den es dabei im Kopf zu behalten gilt, ist, genau hinzuschauen:

Das, was als interkulturelle Konflikte auftritt, sind ja in vielen Fällen gar nicht unbedingt Dinge, die tatsächlich mit wirklicher ethnischer Fremdheit oder mit kulturellen Missverständnissen zu tun haben, sondern oft geht es um soziale Anerkennung (Warum sitzt Murat auf der Ersatzbank und Klaus darf spielen?) und um geringe Ressourcen (zu wenig Sportplätze, Hallen usw.). Diese Konflikte zwischen Verein A und Verein B oder Spieler A und Trainer B werden dann zu Konflikten zwischen „den Türken“ und „den Deutschen“ mit den entsprechenden Zuschreibungen und Konstrukten.

Dagegen kann eine positive „Willkommenskultur“ im Verein und Verband durch kleine Gesten gefördert werden, wie ab und an ein gemeinsames Tee- statt Biertrinken nach dem Spiel, interkulturelle Feste und vor allem eine persönliche Ansprache migrantischer Vereinsmitglieder, egal ob es um eine Anwerbung für ehrenamtliche Tätigkeiten, die Übernahme von Fahrdiensten bei Jugendspielen oder die Teilnahme an außersportlichen Veranstaltungen geht. Absolut unabdingbar, so ein Fazit aus allen Arbeitskreisen, ist die Einbindung von migrantischen Aktiven bzw. Vereinen: Das schönste Integrationsprojekt nützt nichts, wenn es nur aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft entwickelt und umgesetzt wird.

Die Ergebnisse und Handlungsansätze aus der 2. Tagung für Toleranz im Fußball werden von einem Team der Universität Hannover gesammelt, ausgewertet und dann den Teilnehmerinnen und Teilnehmern für ihre weitere Arbeit zugänglich gemacht.

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