Am Ball bleiben News 18.02.2008

[18.02.2008]
„Die wollen spielen, spielen, spielen.“ Soziale Integration migrantischer Mädchen durch Fußball

Integration ist eines der großen Themen, denen sich der Fußball in Deutschland in den kommenden Jahren stellen muss. Gerade die Einbindung von Mädchen und jungen Frauen mit migrantischem Hintergrund ist eine Grundvoraussetzung für einen vielfältigen und demokratischen Fußball – und eine mögliche Lösung des Nachwuchsproblems der Vereins. Das Modellprojekt „Soziale Integration von Mädchen durch Fußball“ zeigt, wie es gehen kann.

Das vom DFB über drei Jahre geförderte Projekt wird von Dr. Ulf Gebken und Prof. Dr. Christian Wopp von der Universität Osnabrück geleitet. Grundidee ist die Übertragung eines erfolgreichen Kooperationsmodells aus dem Oldenburger Stadtteil Ohmstede auf weitere Städte und Regionen: An insgesamt 10 bundesweit verteilten Standorten wird seit Ende 2006 in Stadtgebieten mit besonders prekären sozialen Problemen die Integration von Mädchen mit Migrationshintergrund gefördert, und zwar in enger Zusammenarbeit von Schule, Verein und Jugendhilfe. Die drei Säulen des Modellvorhabens sind die Gründung von Mädchenfußball-AGs an Grundschulen, die Etablierung von Schulfußballturnieren für Mädchen und die Ausbildung von Schulsportassistentinnen im Alter von etwa 15 bis 17 Jahren. Mit diesem Elementen sollen Schule und Verein im Stadtteil enger vernetzt und eine spätere Selbstorganisation unterstützt werden, also Integration durch Partizipation. Ulf Gebken über das Konzept seiner Arbeit:

Ulf Gebken: Die Projekte sind alle in sogenannten Brennpunkt-Stadtteilen angesiedelt, das sind Schulen mit einen sehr hohen Anteil von Kindern aus migrantischen, meist türkischen, Familien. Wenn wir die Idee vorstellen, an den Grundschulen Fußball-AGs für Mädchen einzurichten, gibt es erst mal große Skepsis bei der Schulleitung, ob da überhaupt Interesse vorhanden ist. Aber sobald dann in den Klassen gefragt wird, zeigt sich, dass das Interesse der Mädchen riesig ist. Die wollen unbedingt spielen. Bei unserem Partner in Hannover Vahrenheide sagte der Schulleiter kürzlich, er hätte 200 Mädchen in der Schule, und nur 10 davon hätten keine Lust auf eine Fußball-AG.

Borussia Hannover spielt, die Mütter schauen zu.

Entscheidend ist aber nicht nur die Begeisterung der Mädchen, sondern auch, dass es gelingt, die Eltern mit ins Boot zu holen. Damit bei Schulfußballturnieren auch Mädchen türkischer Herkunft mitkicken, Mütter mit Kopftuch und stolze Väter am Spielfeldrand stehen, ist ein gewisser Vertrauensvorschuss wichtig. Und den kann die Schule sehr viel besser liefern als der klassische deutsche Fußballverein:

Die Kooperation von Schule und Verein ist absolut wichtig. Die Schule ist für die migrantischen Eltern der vertrauenstiftende Rahmen. Die würden ihre Mädchen nicht in einen Verein schicken, mit dem deutschen Vereinswesen kennen sie sich nicht aus, das ist ihnen vielleicht auch suspekt, aber bei der Schule ist die Schwelle gleich viel niedriger. Das ist der entscheidende Punkt an unserem Projekt. Wir wollen keine neuen Gruppen aufbauen, sondern wir gehen in die Schulen, da sind die Kinder schließlich schon. Wenn man das macht, erreicht man unglaublich viele Mädchen. Die Vereine bringen dann die sportlichen und die Ausbildungsstrukturen mit rein und das Ziel ist ja, dass die Kooperation zwischen beiden dann von alleine weiterläuft und nachhaltig wirkt. Davon profitieren dann Schule, Verein und natürlich auch die Mädchen.

Wichtig für das Gelingen der Modellvorhaben sind auch die Schlüsselpersonen vor Ort, in den Vereinen ebenso wie in den Schulen: Der Schulleiter, der selbst durch die Klassen geht und die Mädchenfußball-AG vorstellt, engagierte Übungsleiterinnen und -leiter, Vereinsfunktionäre oder Integrationsbeauftragte. Die persönliche Ansprache und gute Netzwerke sind wie so oft entscheidend.

Die multikulturell zusammengesetzten Schulsportassistentinnenausbildungen (hier Hannover-Vahrenheide). Rechts im Bild Projektleiter Dr. Ulf Gebken.

Die Ausbildung der Schulsportassistentinnen ist dann der nächste Schritt. Da schauen wir in den weiterführenden Schulen in den 7. bis 9. Klassen nach Mädchen mit Fußballerfahrung, die so eine mehrtägige Qualifikation machen wollen. Dafür kriegen sie dann ein kleines Taschengeld und können im Training der Grundschulmädchen auch gleich Praxiserfahrung sammeln, das ist ganz wichtig. Die Mädchen sind unglaublich stark in der Betreuung der Kinder, die haben hohe soziale Kompetenzen. Und wichtig ist, dass man ihnen immer wieder klarmacht: „Ihr könnt das, ihr könnt das mindestens ebenso gut, wenn nicht besser als die Jungs und Männer in den Vereinen.“ Nach der Qualifikation sollen die Schulsportassistentinnen dann sportliche Betreuungsaufgaben in Schule und Verein übernehmen, dadurch steigt natürlich auch ihr eigenes Selbstbewusstsein und ihre Identifikation mit der Institution. Wie gut das funktioniert, sehen wir bei unseren Projekten in Hannover, in Berlin-Wedding oder in Kreuzberg.

Beste Möglichkeiten, Kontakte in die migrantischen Familien aufzubauen, haben die migrantischen Vereine, die ihrerseits durch das Modellprojekt eine engere Anbindung an die Schulen des Stadtteils bekommen.

In der Zusammenarbeit mit migrantischen Vereinen liegt eine große Chance. Rhenania Hamborn www.rhenania-hamborn.de  an unserem Standort Duisburg zeigt das ganz klar. Da sind gute Leute, die leisten tolle Arbeit, es gibt in der Community große Wertschätzung für die Trainer und Übungsleiter. Und vor allem sind sie nah dran an den migrantischen Familien und bereit, die Mädchen mitzunehmen und zum Fußball zu bringen. Leider fehlt es diesen Vereinen dann oft an Anerkennung durch Schule und Behörden, und es fehlt an Ressourcen. Das sieht man ja auch am Beispiel von Türkiyemspor Berlin, die ebenfalls Bausteine des Projekts umsetzen, die machen seit Jahren großartige Arbeit und bekommen dafür jetzt erst langsam größere Anerkennung, wie zuletzt den DFB-Integrationspreis.

Blick in die Schulsportassistentinnenausbildung: Achtklässlerinnen unterrichten Drittklässler im Fußball.

Ulf Gebken erlebt in seiner Arbeit die Möglichkeiten ebenso wie die Schwierigkeiten der Bemühungen um das Thema Integration im Fußball.

Die Begeisterung und das Engagement der Mädchen ist da, die wollen spielen, spielen, spielen. Die DFB-Spitze mit Theo Zwanziger hat ganz klar erkannt, dass man diese Entwicklung nicht verpassen darf. Die Landesverbände sind mit dem Thema Integration durch Mädchenfußball allerdings oft überfordert, dabei liegt hier natürlich auch eine riesige Chance. Das ist eine Aufgabe für die Zukunft, junge Menschen mit Migrationshintergrund, gerade auch die Mädchen, in die Fußballstrukturen, in die Ausbildungen reinzuholen.

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