Am Ball bleiben News 24.01.2008

[24.01.2008]
Keine Moralisierung und keine einfachen Lösungen. Studie zu politischer Bildungsarbeit gegen Antisemitismus

Antisemitische Beschimpfungen und Schmähgesänge sind auch im Fußball weiterhin verbreitet, sei es im Stereotyp des „Judenvereins“, im U-Bahn-Lied oder in den Diffamierungen jüdischer Vereine. Damit sich die pädagogische Arbeit diesem Problem stellen kann, braucht sie selbst Hilfe. Grundlagen und konkrete Hinweise liefert die Studie „Ich habe nichts gegen Juden, aber …“ Ausgangsbedingungen und Perspektiven gesellschaftspolitischer Bildungsarbeit gegen Antisemitismus

Die AutorInnen der Studie, Albert Scherr und Barbara Schäuble, haben Gruppen von Jugendlichen aus dem gesamten Bundesgebiet über ihre Einstellung und Kenntnisse zu Juden und jüdischem Leben befragt. Aus diesen Gesprächen entwickeln die Sozialwissenschaftler Perspektiven für eine Jugendbildungsarbeit gegen Antisemitismus. Ihr zentrales Plädoyer gilt dabei dem genauen Hinsehen und Hinhören: Wie die empirische Untersuchung belegt, sind bei Jugendlichen sehr unterschiedliche Arten von antisemitischen Einstellungen vorhanden, die abhängig sind von der Art des sozialen und kulturellen Umfelds. Auf diese differenzierten Ausgangsbedingungen muss auch die Bildungsarbeit differenzierte Antworten finden.

Albert Scherr: Schon die Rede von „Jude“ als Schimpfwort schwankt zwischen verschiedenen Aspekten, und man muss herausfinden, was jeweils vorliegt, um dagegen vorgehen zu können. Ist es eine Art sinnentleertes Beschimpfungsritual, bei dem es vor allem um die Provokation geht, wird damit auf vorhandene antisemitische Stereotype, etwa des „reichen Juden“, zurückgegriffen oder ist die Beschimpfung Teil einer rechtsextremen und antisemitischen Ideologie?

Mit Bezug auf die Fußballfanszene heißt das, auch hier genau hinzuschauen: Wie sieht die lokale Szene aus, welche Strukturen liegen vor, welche Motive lassen sich erkennen? Idealerweise eine Aufgabe für die empirische Forschung, aber auch etwas, das Fanprojekte leisten können.

Prof. Dr. Albert Scherr ist Pädagoge und Soziologe, war auch als Sozialarbeiter tätig und ist seit 2002 Professor an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Seine Arbeitsschwerpunkte: Aspekte soziologischer Theorie, Theorien der sozialen Arbeit, Migration – Diskriminierung – Rassismus – Rechtsextremismus, Bildungsforschung und außerschulische Bildung.

Ich denke schon, dass auch Fanprojekte diese Aufgabe der Beobachtung und Dokumentation übernehmen sollten. Sie können die Problemlage beschreiben, darlegen, auf welche Ideologien sie stoßen und diese Beobachtungen dann auch an die Gesellschaft zurückgeben und so die Funktion eines Frühwarnsystems übernehmen, statt selbst diejenigen sein zu müssen, die das Problem alleine lösen. Wichtig ist, dass die Fanprojekte, wenn sie die Ressourcen dazu haben, auch Kooperationen eingehen, mit Akteuren aus der Bildungsarbeit, mit Schulen, und so auch selbst dazulernen. Im Kontext des Fußballs werden ja Probleme sichtbar, die woanders entstanden sind und die nur gemeinsam gelöst werden können.

Die Lösungsangebote müssen auf die vorhandenen Situationen und Konflikte abgestimmt sein. In ihrer Studie legen Scherr und Schäuble dar, dass antisemitische Ressentiments nicht nur unterschiedlich entstanden sind und unterschiedlich geäußert werden, sondern auch in sich widersprüchlich sein können. Darauf muss auch die Bildungsarbeit eingehen.

Wenn ich jemanden habe, der mit einem „Ihr Juden“-Ruf vor allem provozieren will, muss ich fragen, was sein Interesse ist, sich als amoralischer Außenseiter darzustellen. Bei tatsächlich verfestigten rechtsextremen Strukturen, ist das eine ganz andere Frage, die muss ich mit Experten politischer Bildung hinterfragen. Das Stereotyp vom „Judenverein“ wiederum verweist oft deutlich zurück auf schulische Bildung, auf die Vorurteile gegen Juden als „die reichen Geldverleiher“, die in der Schule zwar benannt und verurteilt werden, jedoch ohne dass man sich tatsächlich auf das Thema einlässt, die historischen Hintergründe dieses Konstrukts genau beleuchtet und so weiter. Solange die schulische Beschäftigung mit Antisemitismus sich vor allem auf eine moralisierende Position zurückzieht, wird es auch nicht gelingen, jungen Menschen die Fähigkeit zu kritischer Differenzierung zu vermitteln.

Die Problematik eines vor allem moralisierenden Umgangs mit Antisemitismus sieht Scherr auch in den „Rote Karte“-Aktionen im Fußball:

Solche Kampagnen bewegen sich auf einer Achse von Moralisierung und richten sich vor allem an „die Guten“, also die, die ohnehin überzeugt sind. Das hat natürlich auch seinen Sinn, weil solche Aktionen diesen Menschen die Gelegenheit geben, sich zu erklären und zu ihrer Haltung zu bekennen. Bevor man aber eine „Rote Karte gegen Rassismus“ verteilt, muss man den Leuten eigentlich erst mal erklären, was Rassismus überhaupt ist. Diejenigen, die sich bewusst rassistisch oder antisemitisch verhalten, erreiche ich natürlich nicht, indem ich ihnen erkläre, dass es falsch ist, was sie tun. Selbst der, der mit der Beschimpfung „Jude“ provozieren will, weiß, dass es moralisch falsch ist, deswegen tut er es ja.


Die Studie „Ich habe nichts gegen Juden, aber ….“ von Albert Scherr und Barbara Schäuble wurde 2007 von der Amadeu-Antonio-Stiftung in Berlin veröffentlich. Eine Langfassung der Studie ist online verfügbar unter www.amadeu-antonio-stiftung.de/materialien, eine gedruckte Kurzfassung kann bei der Stiftung bestellt werden.

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