Am Ball bleiben News 04.01.2008

[04.01.2008]
Integrationspreis des DFB für Türkiyemspor Berlin

Ein bunter Mix verschiedener Nationalitäten und Herkunftsländer nicht nur auf Spieler-, sondern auch auf Funktionärsebene, feste Verankerung im Stadtteil, Kooperationen mit Schulen, Jugendklubs und Moscheen, Projekte gegen Rassismus und gegen Gewalt in der Familie, Engagement im Mädchenfußball, eine Zusammenarbeit mit dem Landesverband der Schwulen und Lesben in Berlin-Brandenburg – und dann auch noch Fußball spielen.

Die lange Liste der sozialen und kulturellen Projekte des 1978 von türkischen Einwanderern in Berlin-Kreuzberg gegründeten Vereins Türkiyemspor hat auch den Deutschen Fußball-Bund beeindruckt. Der Verein wird am 4. Januar 2008 mit dem DFB-Integrationspreis ausgezeichnet. Die Jury, der u. a. DFB-Präsident Theo Zwanziger und Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff angehören, verlieh Türkiyemspor den ersten Preis in der Kategorie Vereine. Auch wenn „Integration“ nicht unbedingt der Begriff ist, den die Aktiven von „Türkiyem“ selbst ihrer Arbeit anheften, die Freude über die Auszeichnung ist groß. Harald „Hacky“ Aumeier, Diplompädagoge und Türkiyem-Beauftragter in der Türkei:

Obwohl es nicht der erste Preis für Türkiyem ist, ist er trotzdem etwas Besonderes für uns. Einerseits weil der DFB, immerhin das höchste Organ des Fußballs in der Bundesrepublik, uns geehrt hat, nach nunmehr 30 Jahren Türkiyemspor. Andererseits weil dieser Preis ja auch ein bisschen mehr Öffentlichkeit bedeutet und somit den Verein stärkt nach außen und ganz sicher auch den Leuten im Verein Kraft gibt, um den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Denn wenn man sich so sehr engagiert, kommt man nicht überall nur gut an und das ist dann schon für die einzelnen MitarbeiterInnen manchmal sehr anstrengend. So ein Preis ist, neben der Auszeichnung, als Motivation nicht zu unterschätzen. Obwohl wir natürlich wissen, dass zwischen der „Integrationsarbeit“ des DFB und den interkulturellen Ansätzen, die wir mit unserem Verein versuchen umzusetzen, große Unterschiede bestehen. Umso erfreulicher ist es, trotz dieser Unterschiede ausgezeichnet zu werden.

 

Harald „Hacky“ Aumeier

Hacky selbst ist als jugendlicher Fan in den 1980er-Jahren zu Türkiyemspor gekommen – und geblieben, weil er dort eine andere Fußballkultur fand als bei den anderen großen Berliner Klubs. Nachdem er schon in verschiedenen Bereichen für den Verein gearbeitet hat, ist er heute durch seine längeren Türkeiaufenthalte offizieller Türkei-Vertreter, um dort die Brückenfunktion Türkiyems zu stärken, und kümmert sich um Projektentwicklung, Presse, Soziales, Austausch und Sponsoring. Das Erfolgsrezept für die breit angelegten interkulturellen Projekte und die innovative Antidiskriminierungsarbeit sieht er in der Struktur und Geschichte des Vereins:

Es ist ja nicht so, dass das alles über Nacht auf einmal entstand. Zu dieser Entwicklung hat vieles beigetragen. Zum einen die wilden Achtziger in Kreuzberg selbst, mit verschiedenen Lebensentwürfen und alternativen Diskursen. Die berühmte Kreuzberg-Mischung hat sich auch da schon im Verein widergespiegelt. Von Autonomen über normale Uralt-Kreuzberger, über den anatolischen Neu-Kreuzberger bis hin zu ehemals in der Türkei engagierten Menschen fand sich ein breites Spektrum bei Türkiyem ein. Das Ethnische war bei Türkiyem eine Klammer von vielen, unter denen sich Menschen zusammenfanden. Mit dem Wegfall der Mauer, dem gleichzeitigen sportlichen Stillstand, begann sich auch das Vereinsleben zu entwickeln, wobei all diese Einflüsse in die Arbeit eingingen. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil gegenüber anderen Berliner Klubs war und ist, dass Türkiyem so jung ist und noch nicht im Verein feste und alteingesessene Strukturen vorhanden sind. Noch heute ist der Verein für Neumitglieder und neue Ideen offen. Wie wohl bei kaum einem anderen Verein können sich hier neue Leute dementsprechend schnell einbringen. Mit dem neuen Status Quo in den Neunzigerjahren, also Spielen in ehemaligen DDR, musste sich der Verein nun noch stärker mit Rassismus auseinandersetzen. Dies schärfte natürlich im Verein den Umgang damit und führte zu langen, bis heute währenden Diskussionen über den Umgang damit. Daher rührt natürlich auch unser Engagement gegen Rassismus. In der Auseinandersetzung damit haben sich viele unserer Vereinsmitarbeiter auch mit unkonventionellen Ideen für ein Miteinander von unterschiedlichen Kulturen und sozialen Gruppen im Verein engagiert. Diese Ideen speisen sich auch durch andere Vereine und Organisationen, wie zum Beispiel aktuell den LSVD, die sich zu einem bestimmten Projekt an uns wandten und sowohl bei den Mitgliedern, dem Förderverein und dem Vorstand des Hauptvereins auf Interesse stießen.

 

Bei den Respect Gaymes“ mit Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit

Dieser Kontakt mit dem Lesben- und Schwulenverband führte dann etwa dazu, dass es eine Diskussionsveranstaltung zum Thema Homosexualität und Fußball im Türkiyem-Vereinsheim gab, eine schwul-lesbische Fankurve und ein Türkiyem-Allstars-Team bei den Respect Gaymes, einem Fußballturnier für die Rechte Schwuler und Lesben mit großem kulturellem Rahmenprogramm. Nicht unbedingt das, was gemeinhin von einem Migrantenverein erwartet wird, und wesentlich mehr, als einem „ganz normalen“ Fußballverein zu dem Thema einfällt. Aus der „anderen“ Atmosphäre der Anfangsjahre ist, so Hacky, mittlerweile eine soziale Vereinskultur geworden, die weit über den Fußball hinausgeht:

Man könnte zusammenfassen, dass Türkiyem mit einem positiven Gefühl das gelebt hat, was heute – theoretisch und praktisch untermauert – auch auf Bereiche außerhalb des klassischen Fußballs ausgeweitet wird. Es geht darum, im Kiez eine Heimat zu haben und eine Heimat zu bieten. Denn in Kreuzberg gelten da ja auch andere Regeln, hier ist es mit einer Spende hier und da nicht getan. Die Anforderungen an Vereine sind noch andere als in vielen anderen Teilen des Landes. Es ist mit Sicherheit von Vorteil für unsere Arbeit, dass wir aus einem Stadtteil kommen, in dem ein großer Teil der Bevölkerung sozial engagiert und bewusst im und mit dem kulturellen Reichtum des Bezirks lebt. Doch auch andere Vereine könnten sich diesen Aufgaben stellen, wenn sie sich ihrer sozialen Aufgaben bewusst sind und sich für ihre Mitglieder und ihr soziales Umfeld einsetzen. Türkiyem zeigt, wie auch mit wenig Geld erfolgreich sozial gearbeitet werden kann, ohne den erhobenen Zeigefinger. Wir beweisen das nun schon seit Jahren, und der Preis gibt uns die Möglichkeit, es auch einmal an die deutsche Mehrheitsgesellschaft heranzutragen.

 

Einige der C-Mädchen von Türkiyemspor

Der DFB-Integrationspreis, der unter dem Motto „Fußball: Viele Kulturen – Eine Leidenschaft“ ins Leben gerufen und erstmals vergeben wurde, belohnt insbesondere die Förderung der Integration von Mädchen mit Migrationshintergrund, und hier ist der DFB einer der Kooperationspartner von Türkiyem. Im Rahmen des vom DFB geförderten Projektes „Soziale Integration von Mädchen durch Fußball“ führt Türkiyemspor Berlin eine erste Kurzschulausbildung für angehende Fußballübungsleiterinnen durch. Der Ausbau des Mädchenfußballs ist eine Aufgabe für die Zukunft, aktuell gibt es einen B-, C- und D-Bereich mit bunt gemischten Teams, in der türkischen Community ist bei diesem Thema jedoch noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten. Ein anderes Projekt für die Zukunft fällt unter das Stichwort „Geldgeber“. Im besten Sinne der Integrationspolitik kann Hacky sich einen deutschen Sponsor des Vereins sehr gut vorstellen und dies wäre neben der Auszeichnung durch den DFB auch ein weiteres positives Signal:

Türkiyem ist von Sponsoren abhängig und bietet dabei wie kaum ein anderer Verein die Möglichkeit, gezieltes Ethnomarketing zu betreiben. Wir sind ein wirkliches interkulturelles und grenzüberschreitendes Projekt. Obwohl sich das auch in der Medienwahrnehmung widerspiegelt, haben wir bis heute keinen nennenswerten „deutschen“ Sponsor. 30 Jahre Türkiyemspor sind nur dem Engagement der Berliner Geschäftleute mit Migrationshintergrund zu verdanken. Ich denke ein „deutscher“ Hauptsponsor bei Türkiyemspor Berlin würde der Bundeshauptstadt gut zu Gesicht stehen und wäre ein Zeichen weit über den Sport hinaus, sowohl für die Migrantencommunity als auch für die Mehrheitsgesellschaft. Ich bin gespannt. wie lange wir darauf noch warten müssen.

Infos zu Türkiyemspor Berlin im Netz:

Der DFB-Integrationspreis wird in drei Kategorien (Schulen, Vereine und Sonderpreis) vergeben. Der erste Platz wird jeweils mit einem Fahrzeug des Wettbewerbsponsors honoriert, die Zweitplatzierten erhalten 10.000 Euro, für die Dritten gibt es noch 5000 Euro. In der Kategorie Verein landeten der MTV Stuttgart und der TuS Halberbracht/Vatanspor Meggen auf dem 2. bzw. 3. Platz. Die Preisträger in der Kategorie Schule sind die St. Norbert-Schule aus Vreden (Nordrhein-Westfalen), die Schule am Sportpark in Erbach und das Heisenberg-Gymnasium in Dortmund. In der Kategorie Sonderpreis wird der Sportkreis Frankfurt mit seinem „Gallus-Kooperationsprojekt NEIN zu Rassismus“ ausgezeichnet, Platz zwei belegte die Initiative Buntkicktgut München vor der Gemeinde Sulzfeld.

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