Am Ball bleiben News 06.12.2007

[06.12.2007]
„Die schweigende Masse mobilisieren“ – Christian Kabs vom Fanprojekt Dresden über antirassistische Fanarbeit

Christian Kabs lebt seit acht Jahren in Dresden und hat die Arbeit des Fanprojekts von Anfang an begleitet, zunächst in der Sportjugend Dresden, die den Aufbau der institutionalisierten sozialpädagogischen Fanarbeit fachlich unterstützt hat, dann ab Oktober 2005 in der direkten Fanarbeit. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehört die antirassistische Jugendarbeit, über die er im Interview mit amballbleiben.org Genaueres berichtet.

Wie ist es dazu gekommen, dass das Fanprojekt Dresden einen ausgewiesenen Schwerpunkt Antirassismusarbeit hat?

Cover des antirassistischen CD-Samplers von 1953international

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Das haben wir uns von Beginn an auf die Fahnen geschrieben, natürlich auch, weil es hier eine entsprechend problematische Fanszene gibt. Schon im November 2004 war die Ausstellung „Tatort Stadion“ auf die Initiative der Sportjugend Dresden in Kooperation mit den Fanprojekten hin in Dresden, da gab es auch ein Rahmenprogramm mit verschiedenen Veranstaltungen. Im Februar 2006 kam dann der Anstoß für die Gründung der Faninitiative 1953international nach einem Spiel von Dynamo Dresden gegen die Sportfreunde Siegen, die einige schwarze Spieler in ihren Reihe hatten, gegen die dann von Dresdner Fans „Affenlaute“ gebrüllt wurden. In den Internetforen gab es danach heiße Diskussionen, die ich verfolgt habe, bei denen sich ganz viele Leute dagegen ausgesprochen haben, die unzufrieden waren, etwas tun wollten, aber nicht wussten, was genau. Diese Fans habe ich dann angesprochen, per Mail oder persönlicher Nachricht im Forum, und es kam zu einem ersten Treffen. Das war im Mai 2006, mit erst mal sieben Leuten, die sich ausgetauscht und gemeinsam Ideen entwickelt haben. Seitdem ist die Gruppe gewachsen, jetzt ist es ein harter Kern von 10 Leuten und drum herum wenigstens noch mal so vielen. Die Initiative trifft sich mindestens einmal im Monat und ist eine recht bunte Mischung, sowohl sehr aktive Fans, die auch auswärts fahren und in Fanklubs engagiert sind, als auch nur gelegentliche Stadiongänger, die aber das Thema wichtig finden. Die Altersspanne geht von 18 bis 35 Jahren.

Was für Projekte hat diese Gruppe denn bisher angeschoben?

Zur FARE-Aktionswoche 2006 haben wir das Banner „Rassismus ist kein Fangesang“ präsentiert, außerdem wurden Statements von Spielern zum Thema über die Stadionlautsprecher eingespielt. Zudem gibt es auch eine Website www.1953international.de der Faninitiative, die jetzt gerade neu umgebaut wird. 2007 haben dann erstmals organisierte Dynamo-Fans an der Mondiali Antirazzisti in Italien teilgenommen, das war ein sehr schönes Erlebnis. Wir haben viele positive Reaktionen von anderen v.a. deutschen Fans bekommen, die dort waren und vorher doch ein ganz anderes Bild der Dresdner Fanszene hatten. Und im Herbst 2007 hat die Faninitiative zur FARE-Aktionswoche einen antirassistischen Sampler herausgegeben mit 18 Bands aus Dresden, die das Anliegen unterstützen und dabei sein wollten.

Wie sahen die Reaktionen aus der übrigen Fanszene zu diesen Aktionen aus?

Also, zu der ersten FARE-Aktionswoche 2006 gab es eine ganze Reihe negativer Reaktionen, einige Fanklubs und auch die Ultras Dynamo wollten keine Bilder von dem Banner zeigen, weil sie, wie sie sagten, politische Aktionen generell ablehnen. Ein Problem damals war auch, dass unsere Initiative mit der Rote-Karte-Aktion von DFB und DFL vermischt wurde, die in der Fanszene als von oben „übergestülpt“ empfunden wurde. Diese Saison war das aber schon ganz anders, nur ein Fanklub hat auf seinen Fotoseiten das Banner retuschiert, die anderen Gruppierungen beziehen sich mittlerweile durchaus positiv auf 1953international und der Einsatz gegen Rassismus wird inzwischen von einer breiteren Basis akzeptiert und mitgetragen. Ich denke, das liegt daran, dass die Fanszene gemerkt hat, dass es den Leuten mit ihrem Engagement ernst ist, dass es ein Anliegen von den Fans, also von unten, ist und damit eben auch glaubwürdig.

Ist das der Schlüssel für erfolgreiche antirassistische Arbeit mit Fußballfans?

Sicherlich. Wenn man sagt „So, wir als Fanprojekt machen da jetzt was“, kann das auch negativ wirken. Bei uns habe ich zwar durch die Einladung zum ersten Treffen den Anstoß gegeben, aber die Bereitschaft unter den Fans war eben schon vorhanden. Ich begleite die Arbeit weiterhin, die Gruppe legt jedoch Wert darauf, eigenständig zu sein und löst sich zunehmend vom Fanprojekt. Das finde ich auch gut und richtig.

Dynamo Dresden hat ja – vermutlich nicht völlig zu Unrecht – den Ruf, eine gewaltbereite Fanszene zu haben. Inwieweit spielt das für den Einsatz gegen Rassismus eine Rolle?

Der Kreis aus Nationalflaggen symbolisiert die verschiedenen Länder, aus denen schon Spieler für Dynamo Dresden aktiv waren. In Zukunft wird es auf der Website www.1953international.de Hintergrundinfos zu den Spielern aus aller Welt geben.

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Die Themen Gewalt und Rassismus werden leider sehr oft vermischt, tatsächlich sind es aber unterschiedliche Phänomene, es gibt in Dresden – und auch anderswo – gewaltbereite Jugendliche und Fans, und es gibt rassistische Fans, aber das sind eben auch unterschiedliche Personen und Gruppen. Für die Fanarbeit heißt das, dass man die Bereiche trennen muss, wir machen gewaltpräventive Arbeit, und wir machen Arbeit gegen Rassismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus, und die beiden Bereiche funktionieren unabhängig voneinander. Generell ist die Fanszene natürlich auch gemischt. Die Ultras Dynamo waren ursprünglich links und haben heute eher das Motto „Politik bleibt außen vor“, es gibt nicht-organisierte linke Jugendliche im Stadion, und es gibt einen Anteil Rechtsorientierter, den ich auf 15 bis 20 % schätzen würde. Wenn man sich anschaut, dass die NPD bei der Landtagswahl in Sachsen bei knapp unter 10 % lag und weiß, dass die Stimmen zu einem großen Teil von jungen Männern kamen, ist das klar. Denn genau diese Bevölkerungsgruppe ist natürlich auch überproportional stark beim Fußball vertreten.

Auch bei Dynamo Dresden gibt es seit einigen Monaten ein Verbot bestimmter Kleidermarken und Symbole, in diesem Fall rechts- wie linksextremer. Wie sind eure Erfahrungen damit?

Grundsätzlich sehe ich das positiv. Wir hatten selbst früher schon eine ähnliche Änderung der Stadionordnung vorbereitet, die wurde jedoch nie umgesetzt. Von der Pressemitteilung, mit der der Verein die Verbote verkündet hat, wurden wir dann auch überrascht, Am Anfang herrschte da einiges Chaos und Unklarheit, bei den Fans, aber auch bei den Sicherheitskräften und Ordnern, darüber, was verboten und erlaubt ist. So wurde auch Leuten mit Lonsdale-Pullis gesagt, dass sie damit beim nächsten Mal nicht mehr ins Stadion kommen. Inzwischen haben wir vom Fanprojekt uns mit dem Verein zusammengesetzt und eine genauere Liste ausgearbeitet, um bei allen Beteiligten für mehr Verhaltenssicherheit sorgen. Lonsdale steht nicht mehr auf der Liste, einige linke Symbole bzw. Marken allerdings schon, „Mob Action“ zum Beispiel und die Faust, die ein Hakenkreuz zerschlägt, weil das als gewaltverherrlichend eingestuft wird. Da wird sich 1953international vielleicht auch noch für eine Änderung einsetzen. Wichtig ist außerdem, noch eine Aufklärungskampagne nachzuschieben und die Ordnerdienste anzuhalten, das Verbot auch weiter durchzusetzen. In der Fanszene ist das mittlerweile in weiten Teilen akzeptiert und, nach allem, was ich beobachte, wird da auch noch nicht auf andere Marken und Symbole ausgewichen.

Abschließend vielleicht noch ein paar Worte zur Zukunft des Fanprojekts. Der Freistaat Sachsen beteiligt sich ja nicht wie andere Länder an der Drittmittelfinanzierung.

Ab 1. Januar 2008 werden wir im Fanprojekt nur noch zu zweit statt zu dritt sein. Bis dahin hatten wir eine Modellprojektförderung, die dann ausläuft. Die Landesmittel werden in Sachsen nicht direkt an uns, sondern über die Kommunen verteilt, die natürlich noch andere Töpfe zu füllen haben. Wir werden also im kommenden Jahr ein Drittel weniger „Manpower“ haben und damit natürlich auch unsere Arbeit einschränken müssen. Da sind wir im Augenblick am Überlegen, wie wir das am besten auffangen. Bei der Antirassismusarbeit  bleiben wir aber weiter dran, das ist klar. Das Ziel ist ja nicht, die harte rechtsextreme Szene zu überzeugen, sondern die schweigende Masse zu mobilisieren, dafür zu sorgen, dass die den Mund aufmachen.

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