Am Ball bleiben News 26.11.2007

[26.11.2007]
Rassismus im Amateurfußball: Eigeninitiative und Unterstützung von oben gefragt

Rund 120 Vertreter aus Vereinen, Verbänden, Faninitiativen oder Organisationen außerhalb des Fußballs trafen sich am 23. und 24. November in Halle beim 1. bundesweiten Kongress zu Rassismus und Diskriminierung im Amateurfußball. Unter dem Motto „Vereine stark machen“ konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutieren, Erfahrungen austauschen und Handlungsstrategien entwickeln. Veranstaltet wurde der kongress vom Bündnis für Demokratie und Toleranz, der Koordinationsstelle Fan-Projekte und dem Projekt am Ball bleiben.

Unter dem Titel "Was ich den Sport und die Politik schon immer mal fragen wollte" stellten sich den Fragen der Teilnehmer (von links nach rechts): Gerd Wagner (aBb), Michael Gabriel (KOS), Yves Eigenrauch (dem Ball is´egal, wer ihn tritt), Frank Meyer (Moderator), Helmut Spahn (DFB), Dr. Gregor Rosenthal (Bündnis für Toleranz und Demokratie), Eckart Doege (Stadt Halle), Gerd Liesegang (Berliner Fußball-Verband)

„Es war deutlich zu merken, dass ein großer Gesprächsbedarf besteht“, stellt Victoria Schwenzer von der Berliner Fortbildungs- und Forschungswerkstatt Camino zum Ende des Kongresses fest. Schwenzer ist Mitautorin einer Studie zu Rassismus und Rechtsextremismus im Zuschauerbereich des Profifußballs und leitete in Halle ein Forum mit dem Titel „Bei uns gibt es doch keinen Rassismus“. Der Erfahrungsaustausch habe in den zwei Tagen im Mittelpunkt gestanden, so Victoria Schwenzer, sowohl was die Probleme mit Rassismus und Diskriminierung angehe als auch die möglichen Gegenstrategien. „Die kleinen Vereine im Amateurbereich fühlen sich häufig allein gelassen, sie brauchen stärkere Unterstützung von den Verbänden, den Kommunen, der Jugendhilfe oder durch andere Träger. Die Frage der Bündnispartner war in unserem Forum ein ganz wichtiges Thema.“

Konferenzteilnehmer

Kooperation erwünscht – und nötig

Die Notwendigkeit der Zusammenarbeit und insbesondere der Unterstützung der Ehrenamtlichen in den Amateurvereinen vor Ort zog sich wie ein roter Faden durch die gesamte Veranstaltung. Ziel des Kongresses in Halle war es schließlich, wie Dr. Gregor Rosenthal, Geschäftsführer des Bündnisses für Demokratie und Toleranz, in seiner Begrüßung betonte, Akteure aus dem Fußball, der Politik und zivilgesellschaftlichen Einrichtungen zusammenzubringen, um gemeinsam Strategien gegen Rassismus und Diskriminierung zu entwickeln. Amateurvereine alleine, so Rosenthal, „können diese Aufgabe nicht schultern“. Das Spektrum der zu behandelnden Problemfelder ist breit, wie bereits das moderierte Eingangsgespräch zwischen Gerd Liesegang, Vizepräsident des Berliner FV, und Ronny Blaschke, Journalist und Buchautor, zeigte: Von rassistischen Zwischenrufen aus dem Publikum über Auseinandersetzungen zwischen Spielern, Trainern und Betreuern und den vielfältigen Schwierigkeiten der Sportgerichtsbarkeit bis hin zur systematischen Unterwanderung von Vereinen durch rechtsextreme Parteien oder Organisationen. Die Überforderung Ehrenamtlicher bei der Bewältigung dieser Probleme wurde von Liesegang hervorgehoben: „Hier ist professionelle Hilfe nötig, mehr Ressourcen und mehr Anerkennung und Aufmerksamkeit von oben.“ Auch ein anderer Aspekt, der in den lebhaften Diskussionen der einzelnen Foren immer wieder auftauchen sollte, wurde schon zu Beginn der Konferenz angesprochen: der Ost-West-Konflikt. Blaschke, der als Jugendlicher selbst die Verhältnisse in der Rostocker Fanszene kennengelernt hat, rief hier zu einer differenzierten Betrachtung der Situation auf: „Die NPD ist im Osten Deutschlands besser organisiert, auch im Fußball, das muss man so konstatieren, gleichzeitig kann man beobachten, dass es auch bei den Ost-Vereinen Bewegung und Veränderung gibt.“ Von Ronny Blaschke kam zudem der Hinweis, dass es neben Rassismus und Rechtsextremismus auch andere Formen der Diskriminierung gibt, die oft weniger Beachtung finden, wie Homophobie und Sexismus.

Gerd Wagner

Kontroverse Diskussionen und intensiver Austausch

Die vielfältige Themenpalette wurde im kleineren Kreis in fünf Arbeitsforen angeregt diskutiert. Durch verschiedene inhaltliche Inputs wurden dabei Gegenstrategien, konkrete Hilfsangebote und Modellprojekte vorgestellt: vom professionellen Konfliktmanagement in Vereinen und Verbänden über europaweite Initiativen wie die Aktionswoche des Netzwerks FARE bis zu konkreten Aktionen einzelner Personen oder Gruppen vor Ort. Die Diskussion – darin stimmten wohl alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer überein – war sehr lebhaft und mitunter auch kontrovers. So herrschte durchaus nicht immer Einverständnis darüber, wie Diskriminierungen überhaupt zu definieren sind oder wem welche Verantwortlichkeiten bei ihrer Bekämpfung zukommt. Nicht selten besteht bei den Verantwortlichen vor Ort große Unsicherheit im Umgang mit Rassismus und Diskriminierung: fehlendes Problembewusstsein oder die Angst, als „Nestbeschmutzer“ zu gelten und dem eigenen Verein zu schaden, verhindern die offensive Auseinandersetzung oder auch die Bitte um Hilfe beim Verband. Dies sind Situationen, die auch Tim Cassel aus seinem Alltag kennt: „Da muss man bei der Konfliktbearbeitung auch oft sehr sensibel vorgehen, weil viele Vereine Schwierigkeiten haben, die Probleme erst einmal zu benennen.“ Selbst ehemaliger Profispieler und Sozialwissenschaftler, ist er seit Anfang des Jahres 2007 Projektleiter von „Schleswig-Holstein kickt fair“, der Initiative des nördlichsten Fußballverbandes für Gewaltprävention und Integration. Aus Halle nimmt er den Eindruck mit nach Hause, dass es bereits viele gute Ideen und Initiativen gibt, die aber besser gebündelt und vermittelt werden müssen. Wie hilfreich das sein kann, weiß Cassel aus eigener Anschauung: Im Aufbau der Strukturen in Schleswig-Holstein profitiert er von der Arbeit im Hessischen Fußballverband, wo u. a. zwei der ForumsmoderatorInnen von Halle, Astrid Pulter und Angelika Ribler, interkulturelles Konfliktmanagement anbieten.

Konferenzteilnehmer

„Es kann nicht alles von oben kommen“

In der Abschlussrunde der Veranstaltung, in der Forderungen und Fragen an Vertreter aus Sport und Politik formuliert wurden, stand dann der Wunsch nach besserer Transparenz und Vermittlung ganz oben auf der Liste. Der Sicherheitsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes, Helmut Spahn, erläuterte einige der vom DFB eingeleiteten Maßnahmen, wie etwa das Meldesystem in den Regional- und Landesverbänden, das zunächst einer Dokumentation rassistischer und diskriminierender Vorfälle in der Abteilung Sicherheit und Prävention. Spahn betonte jedoch auch die Bedeutung des Einsatzes vor Ort und forderte im Gegenzug „die Zivilcourage der Vernünftigen“ – vom Landesverband bis hin zum einzelnen Fan. Eine Aufforderung, der sich auch Volker Goll vom Mitveranstalter, der Koordinationsstelle Fan-Projekte (KOS), anschließen will: „Es kann nicht alles von oben kommen, man braucht immer auch Eigeninitiative und Leute in den lokalen Strukturen, die bereit sind, sich zu engagieren.“ Der logische nächste Schritt nach Halle ist, so die Organisatoren, ähnliche Veranstaltungen wie diese auf regionaler Ebene durchzuführen, um die Impulse aus dem Kongress weiterzugeben.

Ein konkretes Output des vergangenen Wochenendes wird es dann auch geben: Vorbereitet wird eine Handreichung für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit den Diskussionsergebnissen aus den Foren, wichtigen Tipps und Kontaktdaten für den weiteren Austausch. Diese Dokumentation wird in Kürze zum Download auf den Websites der Veranstalter und damit auch auf amballbleiben.org bereitstehen.

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