Am Ball bleiben News 19.07.2007

[19.07.2007]
11. Auflage der Mondiali Antirazzisti: Fußball, Workshops und Kritik im Vorfeld

Bereits zum elften Mal hat die Mondiali Antirazzisti, eine antirassistische Fußball-Weltmeisterschaft verschiedener Ultragruppierungen, Fußballfans und auch Migranten, die sich gegen Rassismus und Diskriminierung einsetzen, in Italien stattgefunden. Organisiert von Progetto Ultra und dem Geschichtsinstitut istoreco aus Reggio Emilia, standen sich vom 11. bis 16. Juli 2007 insgesamt 204 Fußballteams gegenüber. Doch die Teilnehmerzahlen sind in den letzten Jahren explodiert und somit häufen sich auch Ereignisse, die unter anderem die Gruppe Ultra St. Pauli in diesem Jahr dazu veranlasst haben, nicht teilzunehmen.

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Kritik üben die Hamburger unter anderem daran, dass jede Gruppe ohne prüfendes Gremium zu dem Turnier zugelassen wird, was in den letzten Jahren dazu führte, dass etwa 7000 Teilnehmer vor Ort waren, die sich schon vor dem offiziellen Beginn ein Rennen um Zeltplätze und Verpflegung lieferten. Tatsächlich ist schon in den vergangenen Jahren Kritik laut geworden, dass generell zu viele deutsche Teams teilnehmen, was auch das Klima negativ beeinflusst hat. Dies hatte zur Folge, dass die Teilnehmerzahl der deutschen Gruppen eingegrenzt wurde. Auf der anderen Seite führte die nicht vorhandene Kontrolle der teilnehmenden Teams dazu, dass auch Gruppen gekommen sind, die mit antirassistischer Arbeit nur wenig oder gar nichts zu tun hatten, im Gegenteil vielleicht sogar einen rassistischen oder antisemitischen Hintergrund aufwiesen.

Auch die Unstimmigkeiten zwischen dem italienischen Netzwerk Futbol Rebelde und dem Hauptveranstalter Progetto Ultra waren ein Grund dafür, dass Ultra St. Pauli in diesem Jahr nicht an der Veranstaltung teilgenommen hat, um nicht ungewollt Partei beziehen zu müssen. Dass die Mondiali nicht mehr ihren ursprünglichen Zweck erfüllt und zunehmend entpolitisiert wird, wie es die Hamburger formulieren, sieht jedoch längst nicht jeder so.

Matthias Stein vom Fanprojekt Jena war in diesem Jahr selbst vor Ort und kann die Einschätzung der St. Paulianer zumindest nicht komplett teilen: „Die Ultras St. Pauli und auch die Schickeria München sind besonders konsequent, wenn es um antirassistische Aktionen oder Turniere geht. Aus unserer Sicht ist das eine klasse Veranstaltung, auch in diesem Jahr war das so. Und die Mondiali erfüllt immer noch den Zweck, die Botschaft gegen Rassismus und Diskriminierung weiter zu verbreiten.“ Doch auch für Stein läuft bei der antirassistischen Weltmeisterschaft längst nicht mehr alles, wie es früher einmal gedacht war: „Es ist sicher so, dass vereinzelte Gruppen den Sinn der Veranstaltung nicht begreifen.“ Damit spricht er vor allem die eigenen Erfahrungen an. Denn die Jenaer hatten gemeinsam mit einer Bremer Ultragruppierung zum Ende der Mondiali ein Graffiti gesprüht, das nur kurze Zeit später durch Frankfurter Teilnehmer und einer Leipziger Ultragruppierung mit Schriftzügen wie „Juden Jena“ und „Bremen aufs Maul“ zerstört wurde. Das Gesamtkonzept der Veranstaltung, die in diesem Jahr von Montecchio in die Nähe von Bologna umgezogen ist, sieht Stein aber nicht gefährdet: „Die Atmosphäre auf dem Campingplatz ist nicht unbedingt ’deutsch’ geprägt. Vielmehr waren es die französischen und italienischen Gruppen, die den Gedanken der Mondiali, den Austausch anzuregen und sich kennenzulernen, am intensivsten gelebt und transportiert haben.“

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Die Veranstalter selbst beschreiben den Sinn der Mondiali wie folgt: „In einer Zeit, in der Unterschiede kriminalisiert werden, wo die ‚Anderen’ zu Feinden werden, die es zu bekämpfen gilt, geht es darum, den Anderen verstehen zu lernen. Dass er jemand ist, mit dem man sich auseinandersetzt, mit dem man zumindest auf dem Fußballfeld ein Stück Leben teilt.“

Und wie auch in den letzten Jahren haben die Veranstalter dafür gesorgt, dass neben Fußball auf 17 Plätzen weiterbildende Workshops und Paraden, um den gegenseitigen Austausch anzuregen, nicht zu kurz kamen.

Dass die Gruppe Horda Frenetic Metz den Fair-Play-Preis dafür bekommen hat, dass sie seit vier Jahren sportlich noch nie brilliert, aber die Mondiali durch herausragende Stimmung geprägt hat und die Leipziger Diablos Leutzsch den Pokal Piazza Antirazzisti gewonnen haben, ist bei der Veranstaltung jedoch nur eine Nebensache. „Zusammen gute Laune haben, sich kennenlernen und das Netzwerk ausbauen, das ist für uns der Hauptgrund, nach Italien zu fahren und ich denke, dass wir auch im nächsten Jahr wieder dabei sein werden. Solange die Veranstalter die Mondiali in der Größenordnung stemmen können, sollen sie es tun“, erklärt Matthias Stein zum Abschluss.

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