Am Ball bleiben News 16.07.2007

[16.07.2007]
Raute und Hakenkreuz: Ausstellung über den HSV im Nationalsozialismus

Erst in den vergangenen Jahren ist die Historie deutscher Fußballvereine zwischen 1933 und 1945 und ihre Verstrickung in das nationalsozialistische Regime in Publikationen ernsthaft aufgearbeitet worden. Der Hamburger Sport-Verein präsentiert Ergebnisse der historischen Recherche in seine Vergangenheit nun unter dem Titel „Die Raute unter dem Hakenkreuz“ im vereinseigenen Museum.

Ausstellungsplakat

Die Geschichte deutscher Sportvereine, die während der NS-Zeit weiter existierten, ist immer eine Geschichte zwischen zwangsweiser Anpassung, vorauseilendem Gehorsam und eifriger Kooperation. Der traditionsreiche Hamburger Sport-Verein macht da keine Ausnahme und die Ausstellung, die noch bis Ende August 2008 im HSV-Museum im Stadion des Klubs zu sehen ist, zeigt genau dieses Spektrum auf. Das Team um Museumsleiter Dirk Mansen hat mit Exponaten, Schautafeln, Videos und Texten die Geschichte des HSV von der Machtergreifung bis zur Nachkriegszeit dokumentiert und wirft dabei auch kleine Schlaglichter auf die Historie der Stadt Hamburg. Zum Beispiel, wenn daran erinnert wird, dass der HSV vor 1933 im Vergleich zum Anteil an der Gesamtbevölkerung Hamburgs relativ viele jüdische Mitglieder hatte, nämlich knapp 3%. Dies lag vor allem am Einzugsgebiet des Vereins, der damals noch am Rothenbaum beheimatet war, wo sich auch die Wohnviertel der großbürgerlichen jüdischen Bevölkerung samt Synagoge und Talmud-Schule befanden. Ab Oktober 1933 jedoch wurden keine Juden mehr in die große „HSV-Familie“ aufgenommen, und neue Mitglieder mussten im Aufnahmeantrag erklären, „an dem Aufbau des Staates im Sinne nationalsozialistischer Ideologien mitzuarbeiten“.

Die Zeit des Nationalsozialismus aus Sicht der deutschen HSV-Mitglieder wird in Gesprächen mit Zeitzeugen und Feldpostbriefen dokumentiert und ein kurzer Blick auf die sportlichen Erfolge des Vereins in diesen Jahren zeigt zudem, dass für die Aktiven der ganz normale Fußballalltag weiterging. Auch internationale Begegnungen wurden weiterhin ausgetragen, zumindest bis der Ausbruch des Krieges ein geplantes Spiel zwischen dem HSV und Arsenal im September 1939 verhinderte.

Geschichten von Opern und Tätern

Büchertipp:

Mittlerweile gibt es mehrere Bücher, die die Geschichte deutscher Fußballklubs während des Nationalsozialismus nachzeichnen. Die jüngste Veröffentlichung ist „Wir waren die Juddebube“ Eintracht Frankfurt in der NS-Zeit von Matthias Thoma.

Weitere Bücher zum Thema finden Sie in unserer Literaturauswahl

Die Ausstellung dokumentiert Einzelschicksale von Funktionären, Mitglieder und Aktiven des HSV, der 1934 in den Vereinsnachrichten von sich behauptete, „die denkbar besten Beziehungen zur Partei“ zu unterhalten. Es sind Geschichten von Opfern und Tätern gleichermaßen: Von „einfachen“ HSV-Mitgliedern, die bei Deportationen oder in KZs umgebracht wurden, wie Norbert und Olga Prenzlau, an deren Schicksal heute ein vom HSV gesponserter so genannter Stolperstein vor ihrem ehemaligen Wohnhaus in Hamburg-Eppendorf erinnert. Von den Vereinsvorsitzenden, die bis auf eine Ausnahme alle in der NSDAP waren, ohne dass sie dazu gezwungen gewesen wären. Aber auch von Emil Martens, Vorsitzender von 1928 bis 1934, der 1936 wegen seiner Homosexualität inhaftiert und im Zuchthaus kastriert wurde, bevor er 1944 wieder freikam.

Die einzige Erzählung von aktivem Widerstand ist einem Norweger und ehemaligem Spieler vorbehalten: Asbjörn Halvorsen war bis 1933 erfolgreicher Mittelläufer beim HSV, wurde später in seiner Heimat Nationaltrainer und konnte mit seinem Team durch einem 2:0-Sieg gegen Deutschland die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 1936 gewinnen. Angeblich das einzige Fußballspiel, das Adolf Hitler je sah, und eine Niederlage, die den Fußballsport vielleicht vor einer größeren Verstrickung in die NS-Propaganda bewahrte. Nach der Besatzung schloss Halvorsen sich dem norwegischen Widerstand an, geriet in Gefangenschaft und wurde in Arbeitslager und KZs deportiert, wo er schwer erkrankte. Durch Intervention des neutralen Schweden kamen die norwegischen Häftlinge kurz vor Kriegsende vorzeitig frei, Halvorsen kehrte über das KZ Neuengamme bei Hamburg nach Norwegen zurück, seine Gesundheit hatte jedoch schweren Schaden genommen, er starb 1955.

Die HSV-Legende, die keine sein kann

Schautafel: Zum vergrößern bitte anklicken.

Auch im ständigen Ausstellungsteil des HSV-Museums hat die Recherche zur NS-Zeit ihre Spuren hinterlassen. Einen Bereich zu den Jahren zwischen 1933 und 1945 gibt es dort ohnehin bereits, nun jedoch ist vor der großen Glasvitrine, in der HSV-Legenden wie Uwe Seeler, Kevin Keegan oder Horst Hrubesch verewigt sind, noch eine lebensgroße Pappfigur hinzugekommen: Otto „Tull“ Harder, einer der erfolgreichsten Spieler des Vereins – und ein Kriegsverbrecher. An Tull Harder, der 1932 in die NSDAP eintrat und während des Krieges in verschiedenen KZs als Wachmann und Lagerleiter arbeitete, zeigt sich exemplarisch die problematische Umgangsweise des Sports und seiner Funktionäre mit der NS-Zeit. Harder, der nach 1945 als Kriegsverbrecher angeklagt war, wurde 1947 nur kurzzeitig aus dem Verein ausgeschlossen. Während des Prozesses berief er sich immer wieder auf sein Sportlerdasein, seine Strafe fiel – möglicherweise auch wegen seiner großen Popularität – mit 15 Jahren Haft relativ milde aus (zwei seiner Untergebenen waren zum Tode verurteilt worden) und wurde zudem durch ein Gnadengesuch 1951 vorzeitig beendet. Bei Harders Tod fünf Jahre später zierte eine HSV-Flagge seinen Sarg, der Verein würdigte in einem Nachruf den „Sportler und Kameraden“, über seine Verbrechen fiel kein Wort. Auch das holt die Ausstellung im HSV-Museum jetzt nach – die Auseinandersetzung mit Tull Harder, der Legende, die keine ist.

Copyright © 2007 amballbleiben.orgImpressum